Aufsatz 
Hippolytos : Tragödie des Euripides ; (Dem Großherzoglichen Gymnasium zu Gießen zum Feste seines dreihundertjährigen Bestehens gewidmet) / In dt. Verse gebracht von Otto Altendorf
Entstehung
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auch wenn du ſchon im Schoß der Erde ruhſt, der Zorn der eiferſücht'gen Liebesgöttin

¹auis nicht deinen Leib erſchlagen haben. Nein,

¹42o ein andrer ſoll, der ihr der liebſte iſt, von meinen Händen fallen, rächend trifft ihn dies mein unentrinnbares Geſchoß.

Dir aber, Unglückſel'ger, ſoll dein Leid vergolten werden durch die größten Ehren,

1425 die man dir in Troizen erweiſen wird. Die unvermählten Mädchen werden dir das Haar vor ihrer Ehe weih'n, du ſollſt für immer ernten ihrer Tränen Zoll.

Sie werden ewig dich in ihren Liedern beſingen. Phaidras unglückſel'ge Liebe zu dir ſoll bei den ſpät'ſten Enkeln nicht 1480 ruhmlos verſunken und vergeſſen ſein. Du aber, Sohn des alten Aigeus, nimm dein Kind in deinen Arm, an deine Bruſt. Du biſt nicht ſchuldig, daß er unterging. Wenn es die Götter alſo fügen wollen, ſo iſt's natürlich, daß die Menſchen irren. ¹435 Auch dich ermahn' ich drum, Hippolytos: Du wirſt nicht haſſen deinen armen Vater. Du weißt, daß du dem Schickſal weichen mußteſt. Nun lebe wohl. Mir iſt es nicht erlaubt, die Toten anzuſchauen noch das Auge mir zu beflecken durch den letzten Hauch des Sterbenden, und du biſt nahe ſchon, ich ſeh' es, dieſem traurig bittren Ende.

1440 Hippolntos. Leb wohl auch du und ſcheide, ſel'ge Jungfrau! Leicht gibſt du unſre lange Freundſchaft auf. Verſöhnen will ich mich mit meinem Vater, ſo wie du's wünſcheſt. Hab' ich doch auch ſonſt ſo gerne deinen Worten mich gefügt.

(Artemis verſchwindet.) Schon legt ſich Finſternis auf meine Augen.

1445 Nimm, Vater, mich und richte mich empor.

Theſeus. Ach, Kind, was tuſt du mir, dem Armen, an? Hippolytos. Ich ſterbe. Schon ſeh ich des Hades Tor. Theſeus. So läßt du mich allein mit meiner Schuld. Hippolytos. Ich ſpreche dich von dieſem Morde frei.