Aufsatz 
Eine Fuldaische Chronik aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts / von Gangolf Hartung. Hrsg. von J. Gegenbaur
Entstehung
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Das Aufſuchen und die Erhaltung palterer ſchriftlicher hiſtoriſcher Denkmäler entſpricht nicht bloß einer beſonderen Vorliebe für dergleichen Altertümer ſondern iſt nach dem heutigen Stand der geſammten deutſchen Geſchichtsforſchung eine notwendige Forderung der weiter vorſchreitenden Entwickelung auf hiſtoriſchem Gebiete, indem die Aufgabe geſtellt iſt, aus den allgemeinen Verhältnißen heraus in die beſonderen einzutreten, an der mannig⸗ fach und vielfältig gegliederten Erſcheinung des individuellen und localen Lebens die wahren und friſchen Farben zu ſammeln, die dann ſpäter dem Geſammtbilde um ſo größere Tiefe, um ſo mehr Wahrheit zu verleihen im Stande ſind, je naturgetreuer, je wahrheitsgemäßer ſie ſelbſt Zeugniß ablegen von dem Leben unſeres Volkes in ſeinen engen beſchränkten Kreiſen, in der Gemeinde und im Hauſe. Jene Chroniken aus vergangenen Jahrhun⸗ derten, die wir ſo ziemlich in allen Theilen Deutſchlands antreffen, enthalten einen hiſtoriſchen Schatz, deßen Be⸗ deutung man erſt dann recht würdigen lernt, wenn man nicht bloß in Kriegs⸗ und Staatsactionen das Leben der Nation ſucht, ſondern, wenn man, wie dies die Erfolge der neuen eulturhiſtoriſchen Forſchungen ſattſam beweiſen, auf alle die Einzelheiten des öffentlichen und privaten Lebens eingeht, die eben weſentlich Thun und Treiben, Freud und Leid der einzelnen Stände, der einzelnen Stämme in den verſchiedenen Zeitperioden charakteriſiren. Freilich wird zu einem richtigen Verſtändniß aller dieſer Einzelheiten, zu einem nachherigen Zuſammenfaßen das ruhig prüfende Auge des Hiſtorikers leuchten müßen, um die Erſcheinungen in ihrer Geſammtheit zu begreifen, ſie genau zu würdigen und überall den eigentlichen Nerv des wahren Lebens bloß zu legen, wo eine oberflächliche Betrachtung raſch und kalt darüber hinwegeilt.

Von dieſen Gedanken geleitet entſchloß ich mich das diesjährige Oſterprogramm zur Herausgabe der Chronik Gangolf Hartung's zu benützen, welche Eigentum der Bibliothek des Biſchöflichen Clerical⸗Seminars iſt und mir von dem Hochwürdigſten Herrn Biſchofe auf das bereitwilligſte und in dankend anzuerkennender Weiſe zur Verfügung geſtellt worden war.*)

Die Chronik zerfällt ihrem Inhalte nach in vier Abſchnitte, der erſte Theil enthält ein ſogenanntes Haus⸗ haltungsbuch, worin ſich Berechnungen mit Privaten, Quittungen über Ordonanzgelder und dergleichen Dinge be⸗ finden, die freilich für Abſchätzung des Geldwerts zu damaliger Zeit wichtige Aufſchlüße geben und Betrachtungen von Verhältnißen veranlaßen, die wir übrigens auch anderswo und zum Theil viel genauer angegeben finden;

*) Das Verdienſt auf dieſe Chronik zuerſt in einer Sitzung des Vereins für Heſſiſche Geſchichte und Landeskunde aufmerkſam gemacht zu machen, gebürt dem Herrn Obergerichts⸗Procurator Freys. 1