Auf das Stürmen der Glocke eilten die Bürger den Bedrängten zu Hilfe. Es kam zu einem erbitterten Kampf, in dem sehr viele Juden fielen, die Bürger aber siegten und so war der Rest der Juden gerettet. Jedoch diese wähnten, die Bürger ständen im geheimen Einverständnis mit den Geißlern, und beschlossen jetzt, die ganze Stadt zu verderben. Einer der angesehensten Juden mit dem Bei- namen Storch, von dem Hause Storch, das er bewohnte, schoß einen Brandpfeil nach dem Rathaus, der sogleich zündete und auch den hinteren(westlichen) Teil der Bartholomäuskirche in Flammen setzte. Uber diese schändliche Handlung erbittert fielen die Bürger über die Juden her und metzelten sie nieder. Wieviel Wahres in dieser Darstellung enthalten ist, können wir nicht mehr beurteilen. Daß aber die Juden das Rathaus nicht in Brand gesteckt hatten, sondern dieses im Kampfe unversehrt geblieben ist, weist schon Joannes Latomus(1524— 1598) nach:). Auch aus topographischen Gründen war es unmöglich, vom Storch aus das Rathaus mit Brandpfeilen zu treffen. Es lag nicht allzu- viel Schritte nordwestlich vom Dom, zwischen ihm und dem Hause zum Storch zogen sich damals die Häuser der Affengasse(parallel dem jetzigen Häuserblock zwischen Krautmarkt und Saalgasse und wenige Schritte östlich davon) mit dem mehrgeschossigen Fraß- keller hin, welch letzterer besonders das Rathaus fast ganz deckte²).
Die Frankfurter Judengemeinde war zum zweiten Mal ver- nichtet. Die Metzelei war diesmal gründlicher gewesen als im Jahre 1241, wo es wenigstens einer ganzen Anzahl durch die An- nahme der Taufe gelungen war, das Leben zu erkaufen. Diesmal scheint keiner dem Verderben entronnen zu sein. Die Erbitterung hatte sich während des Kampfes allmählich so gesteigert, daß man den Juden nicht einmal die Wahl der Taufe ließ, die manchem Rettung gebracht hätte). Die Judengasse war jetzt eine rauchende
¹) In seinen Antiquitates bei Froning S. 93: Haec ita gesta esse, quidam annotaverunt, et vulgo creditur, cum tamen vanissimum sit. Und nun folgt die Widerlegung. Siehe Lersner, Chronica I 55, Kirchner, Gesch. der Stadt Frankfurt S. 439 Anm. 9, und Kriegk, Bürgerzwiste S. 424 und 425. Die anderen Nachrichten über den Brand und das Ge- metzel— die des Anonymus bei Froning l. c. S. 146 und Bernhard Rorbach, Liber gesto- rum S. 182— bieten nichts Neues. Schudt zitiert für die Judenschlacht Lersner, der sich ganz an Chronicon I hält, den letzten Satz aber daraus weggelassen(ut pauci ad Bohemos fuga dilaberentur) und damit den Sinn völlig verändert hat.
2) Ich verdanke diese Bemerkung dem Herrn Architekten Ch. L. Thomas. Siehe auch seinen Aufsatz, Die Ausgrabungen im Domhof und auf dem Weckmarkt 1896 und 1897, im Archiv für Frankfurts Gesch. usw., 3. Folge, VI. Band S. 314 ff. UÜber den Fraßkeller besonders S. 320— 321.
³) Nur eine spätere Quelle(Chronicon I) weiß zu berichten, daß einige Juden unter dem Schutze der Nacht dem Gemetzel entrannen und nach Böhmen entkamen. Die An- zahl der Erschlagenen läßt sich nicht feststellen. In den urkundlichen Aufzeichnungen dieser Zeit finden wir ungefähr die Namen von 60 Juden bzw. Jüdinnen(s. den Teil: Be- völkerung).


