Aufsatz 
Geschichte des Seminars für Volksschullehrerinnen zu Darmstadt : (1902-1926) / [Verf. Oberstudiendirektor Dr. Jacobi]
Entstehung
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Recht bezweifelt. Lehrer in kleinen Orten mit einer Bevölkerung von gleichen wirtſchaftlichen Verhältniſſen können ſogar im Nahmen der amt⸗ lichen Lehrpläne den Bedürfniſſen ihrer Umwelt Rechnung tragen; ſchwie⸗ riger jedoch geſtalten ſich die Verhältniſſe an größeren Orten mit wirt⸗ ſchaftlich gemiſchter Bevölkerung. In ähnlich ſchwieriger Lage befinden ſich die höheren Schulen, die trotz ſtärkſter Differenzierung gar manchen ihrer Abiturienten beſonders an OÖrten mit nur einer höheren Lehr⸗ anſtalt dazu nötigen, ſich einem Beruf zuzuwenden, für den er weder Neigung noch Begabung mitbringt.

Für das Seminar geſtaltet ſich die Löſung dieſer Aufgabe inſofern weit ſchwieriger, als es mit dem praktiſchen Leben nur indirekt, d. h. vermittels ſeiner ehemaligen Zöglinge erſt in Berührung kommt.

Darum muß das Seminar mehr als jede andere höhere Lehranſtalt beſtrebt ſein, mit ſeinen früheren Schülern in enger Fühlung zu bleiben, von ihnen Anregungen zu empfangen und ſie wiſſenſchaftlich zu fördern, ihnen eine treue alma mater zu bleiben. Bis zum Kriege fand ein reicher Meinungsaustauſch durch häufige Beſuche unſerer früheren Schülerinnen ſtatt, denen wir manche wertvolle und anregende Mitteilungen verdanken, die uns einmal die Vichtigkeit unſeres Ausbildungsſyſtems beſtätigte, gelegentlich darin auch kleinere Änderungen veranlaßte. Nicht ſelten allerdings kam die Anterhaltung nicht über das rein Konventionelle hinaus. Darum ſuchten wir nach einem Modus, dieſe Beſuche bzw. Zu⸗ ſammenkünfte möglichſt fruchtbar und wertvoll zu geſtalten, wie ſie ſchließ⸗ lich in den Seminartagen ihre Verwirklichung, Namen und Form erhielten. Es war ein glücklicher Zufall, daß gleiche Erfahrungen und gleiche Bedürfniſſe in den Kreiſen unſerer früheren Schülerinnen zu ähn⸗ lichen oder gleichen Erwägungen geführt hatten, die ſich in dem wieder holten Wunſch äußerten, Mitglieder unſeres Lehrkörpers möchten über brennende Fragen das waren damals z. B. Fragen über die Aus⸗ geſtaltung des evangeliſchen Religionsunterrichts ihr fachmänniſches Urteil in Vorträgen mit anſchließenden Ausſprachen abgeben, was auch gern geſchehen iſt.

Wie zu erwarten, war der Beſuch dieſer Verſammlungen jedoch meiſt nicht allzu groß; zudem nahmen nur Angehörige der einen Kon⸗ feſſion daran teil. Darum planten wir ſchon ſeit langer Zeit Zuſammen⸗ künfte, an denen ohne Rückſicht auf Konfeſſion oder Klaſſe alle teil⸗ nehmen konnten. Während des Kriegs vor allem und ſolange uns nicht ein genügend großer Raum zuur Verfügung ſtand, ſchien dieſer Plan unausführbar. Erſt nach der Äberſiedlung ins neue Heim luden wir zum erſten Seminartag ein, der am 24. Mai 1922 unter überaus ſtarker Beteiligung in unſerem geräumigen Turnſaal ſtattfand. Der Direktor hielt einen Vortrag über die Einheitsſchule und ihre geſchichtliche Entwicklung und über die Aufbau⸗ ſchule und ihre Ausgeſtaltung an unſerer Anſtalt. Der Vortrag war wie bei allen folgenden Seminartagen von muſika⸗ liſchen und turneriſchen Darbietungen umrahmt, die ins⸗ beſondere für die älteren Beſucherinnen viel des Neuen und Anregenden boten. Der 2. Seminartag am 2. September brachte nach einer Ein⸗ leitung über die neueren Schulreformbeſtrebungen im allgemeinen einen Vortrag mit Lehrprobe über die Pflege der Mundart in der Volksſchule. Auf dem 3. Tage(16. Dezember 1922) hielt Studienrat Borngäſſer einen höchſt anregenden Vor⸗ trag mit Lehrprobe über neue Aufgaben des Schul⸗ geſangunterrichts, umrahmt von Liedern und Klaviervorträgen.

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