I. Einleitun und Horgeſchichte des Seminars is zu ſeiner Eröffnung.
Die Leſer, beſonders aber die Leſerinnen dieſer Geſchichte des Semi⸗ nars für Volksſchullehrerinnen werden wohl einigermaßen erſtaunt ſein, wenn ſie erfahren, daß der Verfaſſer dieſer Schrift ihr ehemaliger Direktor iſt, der ſeit dem 1. Oktober 1923 im Ruheſtand lebt und nun durch dieſe amt⸗ liche Tätigkeit aus der Zurückgezogenheit des Ruheſtandes wieder an die Sffentlichkeit tritt. Die Veranlaſſung dazu gab mein verehrter Herr Nach⸗ folger, der mich erſuchte, dieſe Arbeit zu übernehmen, da ich als erſter Direktor ſo manches für die Entwicklungsgeſchichte Bedeutſame als perſön⸗ lich Erlebtes mit in die Darſtellung hineinflechten könne, was der Ge⸗ ſchichte der Anſtalt gewiſſermaßen eine perſönliche Note verleiht und für unſere ehemaligen Schülerinnen von beſonderem Intereſſe ſein dürfte. Dieſe Gründe ſchienen mir hinreichend ſtichhaltig zu ſein, und ich willigte ein.
Auch eine zweite Ungereimtheit dieſer Schrift bedarf der Auf⸗ klärung. Die Anſtaltsgeſchichten erſcheinen in der Regel früheſtens nach einem Vierteljahrhundert. Unſere im Jahre 1902 gegründete Anſtalt blickt demnach erſt auf 24 Jahre ihres Beſtehens zurück und ſollte darum 1927 ihr erſtes Jubiläum feiern und mit ihrer Geſchichte auf dem Plane erſcheinen. Allein 1927 wird ſie wie alle Lehrerſeminare ſchon zu den Toten gehören; denn der Artikel 143 der Reichsverfaſſung hat ihr und ihnen allen den Lebensfaden abgeſchnitten, und ſo mußte unſere noch ſo lebensfrohe, noch in der Blüte der Jahre ſtehende Schutzbefohlene dahinſcheiden neben ihren vor Alter ergrauten, ehrwürdigen Brüdern und Schweſtern. Darum ſollte der noch ſo Jugendlichen eigentlich ein ſchwungvoller Nachruf geſchrieben werden; aber weder die Zeit, in der ſo viele höchſte nationale Werte vernichtet worden ſind, noch die Feder des Verfaſſers erſchienen dafür geeignet. Wir müſſen uns einfach mit den Tatſachen abfinden und uns mit der durch die Geſchichte ſo oft feſtgeſtellten Tatſache tröſten, daß auch die idealſte Einrichtung, wenn ſie mit der Entwicklung des Zeitgeiſtes nicht gleichen Schritt hält, beiſeite geſchoben und durch andere Einrichtungen erſetzt wird. Das war auch das Schickſal der im Geiſte Peſtalozzis eingerichteten Seminare.
Die reaktionäre Nichtung der maßgebenden Kreiſe um die Mitte des vorigen Jahrhunderts brachte die Seminare und das geſamte Volks⸗ ſchulweſen wieder in völlige Abhängigkeit von der Kirche, die bei uns in Heſſen ein Vierteljahrhundert, in Preußen und anderen deut⸗ ſchen Staaten noch bedeutend länger die weitere Entwicklung der Se⸗ minare zum Stillſtand brachte.
Als dann die Reformen einſetzten, allerdings in einem viel zu langſamen Tempo, da war es ſchon zu ſpät. Die Lauheit vieler Be⸗ hörden in der Durchführung der Reformen und die heftigen Angriffe der Lehrerſchaft, die ſich gelegentlich bis zur Hetze gegen ihre ehemaligen
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