— Da Normannen, welche im elften Jahrhunderte Unteritalien und Sicilien zum Schauplatze ihrer kriegerischen Unternehmungen machten, verdankten ihre überraschenden Erfolge, welche man früher zu den unerklärlichsten, ja fast an's Wunderbare gränzenden Ereignissen der Weltgeschichte zu zählen pflegte, theils dem damaligen politischen Zustande Unteritaliens, welches unter eine grosse Anzahl kleiner Fürsten getheilt war, die einander unaufhörlich befehdeten, theils der sittlichen Versunkenheit und physischen Entkräftung der Bewohner des reichen und fruchtbaren Landes, welche, ein Gemisch von Römern, Griechen, Arabern, Gothen und Langobarden, neben dem Mangel eines politischen Bandes auch durch keine nationale Einheit zusammengehalten, zum Widerstande gegen die fremden Eroberer weder den Muth noch die Kraft hatten;*) theils endlich aber auch, ausser der ihnen eigenen unbezwinglichen Tapferkeit und muthigen Unerschrocken- heit, dem Heldengeiste, der Klugheit und Ausdauer der Söhne Tankred's von Hauteville(Altavilla), deren zehn nach und nach aus der Normandie nach Italien kamen und für die Ausbreitung der Herrschaft ihres Volkes ihr Leben wagten. Nachdem Wilhelm, der älteste der Brüder, dem seine unwiderstehliche Tapfer- keit den Beinamen„Eisenarm“ erwarb, bis zu seinem Tode, der im Jahre 1046 erfolgte, mit Glück und Ruhm die kriegerischen Unternehmungen seines Volkes auf der Halbinsel geleitet hatte, folgten ihm in der Anführung desselben nach einander drei seiner Brüder, zuerst Drogo, der durch Meuchelmord umkam (1051), dann Humfred und nach dessen Tode(1057) Robert Guiscard, der kühnste, unternehmendste und begabteste der Brüder, der mit der angeerbten Tapferkeit seines Stammes, auch eine solche Klugheit, Geistesgegenwart und Schlauheit verband, dass ihm kein Gegner auf die Dauer zu widerstehen vermochte.**) Robert setzte die Unternehmungen seiner Brüder mit so glücklichem Erfolge fort, dass er in etwa zwanzig
*) Günther Ligur. I, 689 sagt von ihnen:
Sed vulgus stolidum, pravum, rude, futile, vanum,
Moribus incultum, fragili male corpore firmum,
Otia longe sequi solitum fugiensque laboris,
Mente manuque pigrum, nec pace nec utile bello. Die Verse mögen, obgleich sie einem Schriftsteller angehören, dem die neuere historische Kritik die von ihm früher unter den Quellenschriften eingenommene Stelle mit Recht abgesprochen hat, hier aufgenommen werden, da sie den damaligen Zustand der Apulier und Calabrier treffend charakterisiren.
*) Der Beiname„Guiscard“(Schlaukopf) hat seine Wurzel, wie schon Leibnitz in einer Note zu seiner Aus- gabe des Wilhelm von Apulien(Scriptt. Rer. Brunsvic. 1, 588 m) bemerkt hat, nicht im Romanischen sondern im Germanischen und ist mit dem deutschen Worte„wissen“ verwandten Stammes. Guillermus Apuliensis II, 129 (Gesta Roberti Wiscardi ap. Pertz Mon. Germ. Hist. Scriptt. IX, 256) sagt:
Cognomen Guiscardus erat, quia calliditatis Non Cicero tantae fuit aut versutus Ulixes,


