Aufsatz 
Untersuchungen über die Wortfolge der Umgangssprache / von Hans Reis
Entstehung
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1. Einleitung.

Die Wortfolge in der deutschen Umgangssprache unterscheidet sich zwar nicht stark von dem Gebrauche der Schriftsprache, jedoch sind die Wortstellungsregeln in letzterer noch nicht hinreichend erforscht, und bei dieser Erforschung kann die Umgangssprache die wertvollsten Ergänzungen liefern. Daher dürfte eine Untersuchung nicht überflüssig sein, worin die Wortfolge der Umgangssprache nach neuen Gesichtspunkten beobachtet und festgestellt wird. Nicht, wie sonst, soll hierbei von der Frage ausgegangen werden: an welche Stelle im Satz kommen die ein- zelnen Wortklassen und Wortformen? Vielmehr soll zunächst aus der Umgangssprache erforscht werden, ob etwa die am Anfang oder am Ende eines Satzes stehenden Ausdrücke etwas Gemein- sames haben, ob sich hierfür eine einheitliche Regel feststellen lässt oder mehrere Fälle zu unter- scheiden sind, und ferner, welche verschiedene Gruppen alsdann anzunehmen sind? Diese Fragen sollen im folgenden untersucht werden, und dabei wird die Volkssprache zu Grunde gelegt, wie sie in der Gegend am Mittelrhein gesprochen wird.*) Jedoch döürfte sich diese in der Frage der Wortfolge vielleicht nur unwesentlich von der im übrigen Deutschland unterscheiden.

Im Neuhochdeutschen muss streng unterschieden werden zwischen der Schriftsprache und der Umgangssprache. Es galt ja schon längst als eine ausgemachte Sache, dass nur die letztere den Endpunkt der Entwicklung unserer Sprache darstellt, doch ist dies bisher in den wissenschaftlichen Erörterungen nicht immer hinreichend gewürdigt worden. Aus schriftdeutschen Sätzen wollte man sogar die Gesetze der Sprache ableiten. Von der Gabelentz, Zeitschrift für Völkerpsychologie, Bd. 8, S. 136, will die Grundlagen der Wortstellung herleiten aus dem Satze in Amerika ver- fertigt seit einem Jahre eine Fabrik Hüte aus Papier; die Umgangssprache dagegen sagt etwa: in Amerika, da ist eine Fabrik, die macht Papierhüte, schon ein Jahr lang. Wegener, Grund- fragen des Sprachlebens S. 32, hat als Beispiel für grundlegende Betrachtungen folgenden Satz: Themistokles, ein Grieche aus Athen, ein Zeitgenosse des Aristides, schlug bei Salamis die Perser, welche nach Griechenland gekommen waren, um dieses Land zu unterwerfen, in einer Seeschlacht. Die Umgangssprache würde eine grosse Anzahl von Sätzen hierfür gebrauchen, etwa in folgender Weise: Zur Zeit des Aristides, da lehte ein Mann in Athen, Themistolles hiess er, der hat die Perser geschlagen; die waren nach Griechenland gekommen und wollten das Land da unterwerfen; in der Nähe von Athen, bei Salamis, da war dann eine grosse Seeschlacht und da wurden Ssie von Themistolles besiegt. Schulze(Zwei Kapitel aus der mittelhochdeutschen Wortstellung, Berliner Diss. 1892) bietet S. 39 einen solchen Satz: Obgleich es schon hoher Mittag war, war es finster, wie bei Nacht; mundartlich müsste es heissen: es war schon längst Mittag, und da war es noch so dunkel, als ob es noch Nacht gewesen wäre.

*) Des leichteren Verständnisses wegen sind die mundartlichen Beispiele in ihrer Lautform der Schriftsprache möglichst angeglichen worden. Die Beispiele aus Niebergall, Der tolle Hund, werden nach der älteren kleinen Ausgabe(bseudonym Streff) angeführt. Andere Beispiele entstammen der Schrift WunderlichsUnsere Umgangs- sprache, den Dichtungen des Mainzer Mundartdichters Lennig sowie eigenen Beobachtungen.