Luthers Gedanken über die praktiſchen Ziele der Schulen. 75
höchſte getrieben wird und wohlgeräth, ſo kömmts nicht ferner, denn daß ein wenig eine ein⸗ gezwungene und ehrbare Geberde da iſt; ſonſt bleibens gleichwohl eitel Holzböcke, die weder hievon, noch davon wiſſen zu ſagen, niemand weder rathen noch helfen können. Wo man ſie aber lehrete und zöge in Schulen oder ſonſt, da gelehrte und züchtige Meiſter und Meiſterinnen wären, die da Sprachen und andere Künſte und Hiſtorien lehreten; da würden ſie hören die Geſchichte und Sprüche aller Welt, wie es dieſer Stadt, dieſem Reich, dieſem Fürſten, dieſem Manne, dieſem Weibe gangen wäre, und könnten alſo in kurzer Zeit gleichſam der ganzen Welt von Anbeginn Weſen, Leben, Rath und Anſchläge, Gelingen und Ungelingen vor ſich faſſen, wie in einem Spiegel: daraus ſie denn ihren Sinn ſchicken und ſich in der Welt Lauf richten könnten mit Gottes⸗ furcht, darzu witzig und klug werden aus denſelben Hiſtorien, was zu ſuchen und zu meiden wäre in dieſem äußerlichen Leben, und andern auch darnach rathen und regieren. Die Zucht aber, die man daheime ohne ſolche Schulen vornimmt, die will uns weiſe machen durch eigene Erfahrung. Ehe das geſchieht, ſo ſind wir hundertmal todt, und haben unſer Lebenlang alles unbedächtig gehandelt; denn zu eigener Erfahrung gehöret viel Zeit.— Nimmt man ſo viel Zeit und Mühe, daß man die Kinder ſpielen auf Karten, ſingen und tanzen lehret, warum nimmt man nicht auch ſo viel Zeit, daß man ſie leſen und andere Künſte lehret, weil ſie jung und müßig, geſchickt und luſtig dazu ſind? Ich rede für mich: wenn ich Kinder hätte, und vermöchts, ſie müßten mir nicht allein die Sprachen und Hiſtorien hören, ſondern auch ſingen und die Muſica mit der ganzen Mathematica lernen.— Es iſt jetzt eine andere Welt und gehet anders zu. Meine Meinung iſt, daß man die Knaben des Tages laſſe eine Stunde oder zwo zu ſolcher Schule gehen, und nichts deſtoweniger die andere Zeit im Hauſe ſchaffen, Handwerk lernen und wozu man ſie haben will, daß beides mit einander gehe, weil das Volk jung iſt und gewarten kann. Alſo kann ein Mägd⸗ lein ja ſo viel Zeit haben, daß ſie des Tages eine Stunde zur Schule gehe, und dennoch ihres Geſchäfts im Hauſe warte; verſchläfts und vertanzt es, und verſpielet es doch wohl mehr Zeit. Es fehlet allein daran, daß man nicht Luſt noch Ernſt dazu hat, das junge Volk zu ziehen, noch der Welt helfen und rathen mit feinen Leuten.— Welche aber der Ausbund darunter wären, der man ſich verhofft, daß geſchickte Leute ſollen werden zu Lehrern und Lehrerin, zu Predigern und andern geiſtlichen Aemtern, die ſoll man deſto mehr und länger dabei laſſen.— So müſſen wir ja Leute haben, die uns Gottes Wort und Sacramente reichen, und Seelwarter ſein im Volk. Wo wollen wir ſie aber nehmen, ſo man die Schulen zergehen läßt, und nicht andere chriſtlichere auf⸗ richtet?— Darum, liebe Herren, laſſet euch das Werk anliegen, das Gott ſo hoch von euch fordert, das euer Amt ſchuldig iſt, das der Jugend ſo noth iſt, und des weder Welt noch Geiſt entbehren kann. Wir ſind, leider, lange genug in Finſternis verfaulet und verdorben: wir ſind allzu lange genug deutſche Beſtien geweſen. Laſſet uns auch einmal der Vernunft brauchen, daß Gott merke die Dankbarkeit ſeiner Güte, und andere Lande ſehen, daß wir auch Menſchen und Leute ſind, die etwas nützliches entweder von ihnen lernen, oder ſie lehren könnten, damit auch durch uns die Welt gebeſſert werde. Ich habe das meine gethan; ich wollte dem deutſchen Lande gerne ge⸗ rathen und geholfen haben. Ob mich gleich etliche darüber werden verachten und ſolchen treuen Rath in Wind ſchlagen, beſſers wiſſen wollen, das muß ich geſchehen laſſen. Ich weiß wohl, daß andere könnten beſſer haben ausgerichtet; aber weil ſie ſchweigen, richte ichs aus, ſo gut als ichs kann. Es iſt je beſſer dazu geredt, wie ungeſchickt es auch ſei, denn allerdinge davon ge⸗ ſchwiegen. Und bin der Hoffnung, Gott werde je euer etliche erwecken, daß mein treuer Rath nicht gar in die Aſchen falle, und werden anſehen, nicht den, der es redt, ſondern die Sache
ſelbſt bewegen, und ſich bewegen laſſen.— Am letzten iſt auch das wohl zu bedenken allen den⸗ 10*


