Aufsatz 
Der Anschluss Hessen-Cassels an Preussen im Siebenjährigen Kriege / Theodor Hartwig
Entstehung
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Ein Charakter von ganz verschiedener Anlage und Ent- wicklung war der des obengenannten Erbprinzen Friedrich. Dieser, geboren 1720, war der einzige Sohn ans der Ehe sei- nes Vaters mit der Tochter des später auch katholisch gewor- denen Herzogs Moritz von Sachsen-Zeiz. Die Erziehung, welche er genosz, entsprach fast in allen Zügen der, welche einst sein Vater erhalten hatte. Auch er lebte in seiner Jugend mehrere Jahre in Genf, bereiste darauf Frankreich und Eng- land und kämpfte mit Auszeichnung auf Seiten Hollands und Englands im östreichischen Erbfolgekrieg ¹ ⁴4). Doch hatten diese Lehrjahre ihn zu einem ganz anderen Manne gemacht als sei- nen Vater. Zwar hatte er sich in denselben reiche Kenntnisse erworben, sein ästhetisches Urtheil gebildet und ein nicht un- bedeutendes militärisches Talent entwickelt. Aber was man im guten Sinne einen Charakter nennt, das war er nicht ge- worden. Alle, welche ihn in der kritischen Periode seines Le- bens, wo die Grundfasern seines Wesens sich blos legten, ken- nen lernten, Freund und Feind, sind einig im verwerfenden Urtheil über seine Schwäche und seinen Wankelmuth. Nicht zu verkennen ist allerdings, dasz eine grosze vertrauende Gut- müthigkeit einen Grundzug seines Wesens bildete. Auch läszt sich behaupten, dasz trotz seines Katholicismus kaum ein toleranterer Fürst den hessischen Fürstenstuhl bestiegen hat. Aber diese guten Eigenschaften entbehrten der festen Unter- lage, welche ihnen erst den wahren Werth verleiht, und waren mit seinen Schwächen auf das innigste verwachsen. Er handelte nicht nach festen Grundsätzen, sondern seine Entschlüsse wech- selten so rasch wie seine Stimmungen; daher war er auch den entgegengesetztesten Einflüssen leicht zugänglich. Was ihm ganz fehlte, war der Ernst einer sittlichen Lebensauffassung. Nur am Aeuszeren, was die Sinne reizt, am Glanz und am Schein hieng seine Seele. Dabei schien er fähig, seinen Leidenschaften alles zu opfern. Ein überzeugungstrener Katho- lik ist er vielleicht in keiner Stunde scines Lebens gewesen.

1⁴) S. Rommel a. a. O.