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alles das wog, es ertragen müssen, dasz der Verlust einer ihrer schönsten Provinzen, Schlesiens, durch Europa sanctioniert wurde. Wem aber hatte sie dies vor allen zu verdanken? War es nicht der Fürst, dessen Groszvater seine Königskrone von einem Habsburger erhalten und dessen Vorfahren man sich in Wien als die getreuen, freilich oft mit Undank belohnten Vasallen zu betrachten gewöhnt hatte? Nun muszte sie auch noch sehen, wie Schlesien unter seiner neuen Regierung in ungeahnter Weise seine Hülfsquellen entwickelte und die Machtstellung des preuszischen Staates um mehr als die Hälfte erhöhte. Zu alledem kam, dasz die Person des preuszischen Königs, seine freireligiöse philosophische Anschauungsweise ihrem streng katholischen Sinn tief im Innersten zuwider war. Man begreift daher, dasz die Erbitterung gegen Friedrich den Groszen in der Seele dieser Frau in hellen Flammen auf- loderen muszte. Einen treuen Genossen für ihren IIasz fand sie an ihrem Minister des Auswärtigen, dem Grafen Kaunitz. Es ist deshalb nicht zu verwundern, wenn die auswärtige Politik des Wiener Hofes in der Zeit nach dem Aachener Frieden von dem Gedanken beherrscht erscheint, an Preuszen Rache zu nehmen und diesen Staat für alle Zukunft unschädlich zu machen. Man hatte aber mit Häülfe der Erfahrungen, welche man in den schlesischen Kriegen gesammelt, zu Wien erkannt, dasz dies schöne Ziel nicht anders als durch eine grosze Coalition zu erreichen sei. Zunächst sah sich Maria Theresia auf den alten Verbündeten ihres Hauses, auf England angewiesen. Auch kam ihr die persönlich gereizte Stimmung König Georgs II. gegen Friedrich zu Statten. Indes konnte sie sich auf der andern Seite nicht verhehlen, dasz trotzdem kéein englisches Ministerimm, mochte es auch einer Partei angehören, welcher es wollte, die Hand dazu bieten würde, den einzig kräftigen protestantischen Staat des Continents zu zertrümmern. An diesem principiellen Gegensatz scheiterten denn auch alle Versuche, das Bündnis, auf welchem seit Generationen das Gleichgewicht Europas beruht hatte, zusammen


