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Die Katholiken waren geneigt, namentlich wenn sie den Charakter des Prinzen und seine ganze Geistesrichtung nicht kannten, sich den Confessionswechsel aus dogmatischen Gründen zu erklären ¹). Die Protestanten dagegen ver- sicherten nahezu einstimmig, dasz dem Prinzen nichts weniger als religiöse Gründe die leitenden Gesichtspunkte abgegeben hätten, sondern dasz er sich vielmehr nur durch die Aus- sicht auf äuszere Vortheile habe ködern lassen.
So lebhaft der Streit über diese Frage auch eine Zeit lang geführt wurde, so verstummte er doch ziemlich rasch, nicht etwa weil eine Partei der andern den Kampfplatz überlassen hätte, sondern weil andere Punkte derselben Angelegenheit noch lebhafter Interesse und Kräfte beider Seiten in Anspruch nahmen, bis endlich die grosze politische Katastrophe aller Herzen und Gedanken in dem Grade er- füllte, dasz dagegen die Vorgänge in Hessen fast ganz in Vergessenheit geriethen.
Indem ich nun selbst jetzt an die Beantwortung jener Frage, warum ist der Erbprinz katholisch geworden, herantrete, will ich alsbald bemerken, dasz es auch jetzt noch geradezu ummöglich ist, aus den mir vorliegenden zahlreichen Aktenstüicken eine alle Zweifel beseitigende, genaue Antwort zu gewinnen. Zwar besitzen wir eine klare, unzweideutige Aussage des Erbprinzen selbst, welche den Zweck hatte, eine Antwort auf jene Frage zu ertheilen. Denn in einem Briefe vom 1. October 1754 erklärte er seinem Vater, schon im Jahre 1742 habe er den Gedanken gefaszt, dasz er einer Religion angehöre, welche seinem Gewissen widerstreite, aber erst nach mehrjährigem innerem Kampfe, nachdem er sich von dem höherem Werthe des Katholicismus überzeugt habe, sei er im Jahre 1749 zu demselben übergetreten ²).
¹) Diese Anschauung tritt am schärfsten in den durch die Folgen der Conversion veranlaszten Streitschriften der Katholiken hervor. ²) Puisque Votre Altesse Serne m'a fait declarer quelle ne vouloit ne gener en rien ma conscience je lui confesse par celle, qu'il y a


