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im Geheimen von dieser neuen Errungenschaft der Katholiken erzählte, stieszen naturgemäsz derartige Mittheilungen vielfach auf Zweifel, da der fast typisch gewordene Charakter der casselschen Fürsten und die Stellung, welche sie in dem Confliet zwischen Katholicismus und Protestantismus seit den Zeiten der Reformation zuweilen als Führer, immer aber unter den vordersten Kämpfern der evangelischen Sache eingenommen hatten, die Möglichkeit eines solchen Ereig- nisses fast auszuschlieszen schien. Als aber das Ende des Jahres 1754 herangekommen war, da muszte dem gegen- über, was öffentlich in allen Zeitungen berichtet wurde, jeder Zweifel an der Thatsache selbst verstummen.
Es war natürlich, dasz die Verschiedenheit des confes- sionellen Standpunkts auch verschiedenes Urtheil über den Schritt des Erbprinzen hervorrief. Katholischer Seits erblickte man, in ihm einen Fingerzeig Gottes, welcher darin seinen Willen kund thue, das deutsche Volk mehr und mehr von den Irrthümern, in welche es einst ganz zu verfallen drohte, in den Schosz der Kirche zurückzuführen. Auch war man geneigt, über die moralischen Bedenken, welche die Handlungsweise des Prinzen und seiner katholischen Rathgeber etwa bieten mochte, leicht hinweg zu sehen. Im Gegensatz hierzu sahen die Protestanten in dieser s. g. Be- kehrung vor allem die Wirkung katholischer Pfaffenintrigue. Sie erschien ihnen nur als ein neues Glied in der Kette, mit welcher die römische Hierarchie seit Decennien die Kraft des Protestantismus einzuschnüren bestrebt war. Auch das Verfahren des Prinzen muszte bei ihnen der schärfsten Kritik gewärtig sein.
Für beide Parteien und namentlich die Extreme der- selben war es um so schwerer, den Boden für eine unbe- fangene Würdigung der Vorgänge zu gewinnen, als damals noch in viel höherem Masze als heutigen Tages der confes- sionelle Gegensatz gespannt war. Bluteten doch die Wunden, welche der grauenhafte Kampf des 17. Jahrhunderts


