Es war um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als die deutschen Protestanten durch das Gerücht in Aufregung gebracht wurden, dasz der Erbprinz des Hauses Hessen- Cassel, der einzige Sohn des Landgrafen Wilhelm VIII., zum Katholicismus übergetreten sei. Gar manchen schweren Verlust hatte schon die protestantische Kirche in Deutschland seit den letzten fünfzig Jahren zu verzeichnen gehabt. Kein Stand war unberührt davon geblieben. Aber der gröszten Erfolge konnten sich damals die Proselytenmacher des Katholicismus bei den protestantischen Fürsten berühmen. Seit die sächsischen Kurfürsten im Abfall von den Tradi- tionen ihres Hauses ihren Glauben und damit auch die Führerschaft der deutschen Protestanten für den trügerischen Glanz der polnischen Königskrone dahingegeben hatten, war eine ganze Anzahl evangelischer Fürsten des Reichs auf diesem Wege gefolgt“*). Man kann sich daher leicht vor- stellen, mit welcher Sensation nach diesen Vorgängen in allen Kreisen die Kunde von dem in Cassel Geschehenen aufgenommen wurde. Anfangs zwar, so lange man sich nur
¹) Vergl. Fr. W. Ph. v. Ammon, Gallerie der denkwürdigsten Personen, welche im 16., 17. und 18. Jahrhundert von der evangelischen zur katholischen Kirche übergetreten sind. Erlangen 1833.— Um die Mitte der fünfziger Jahre des 18. Jahrhunderts war auch das Ge- rücht allgemein verbreitet, dasz die Lieblingsschwester Friedrichs II, die Markgräfin von Bayreuth, mit lihrem Manne katholisch ge- worden sei, so dasz sich Friedrich veranlaszt sah, in einem Rescript vom 1. März 1755 seinen Gesandten in Regensburg zur Demen- tierung dieses Geredes anzuweisen. Acta Hist. eccles. XIX, 20.


