Rückblick
auf das 25jährige Beſtehen e, des
Realprogymnaſiums zu Marburg,
welchem eine Geſchichte der früheren Realſchule
vorausgeht.
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Zum richtigen Verſtändnis der inneren und äußeren Verhältniſſe der gegenwärtigen Anſtalt wird es nicht unmweſentlich, ja notwendig ſein, wenn wir zunächſt der Geſchichte der ihr vorangegangenen Realſchule gedenken, für die gewiß auch noch ein großes Intereſſe unter den Bürgern Marburgs beſtehen wird und deren Entwicke⸗ lung zugleich einen Einblick in einen Teil der früheren Schulverhältniſſe unſerer Stadt gewährt.
In dem dritten Decennium dieſes Jahrhunderts wandten auch— nachdem die größeren Städte meiſtens aus eigener Initiative ſchon Real⸗ oder Gewerbeſchulen gegründet hatten— die Staatsregierungen ihre Fürſorge dieſen Schulen zu, welche insbeſondere dazu dienen ſollten, den Gewerbtreibenden auch in den mittleren Städten eine höhere und geeignetere Vorbildung zu vermitteln. So wurden durch ein Ausſchreiben des Kurfürſtlichen Miniſteriums des Innern zu Caſſel vom 7. Novbr. 1836 durch die damaligen Regierungen die Schulvorſtände, denen die Bürgermeiſter als Mitglieder angehörten, in den Städten Marburg, Fulda, Eſchwege, Hersfeld und Schmalkalden aufgefordert, geeignete Schritte zur Er⸗ richtung ſolcher Schulen zu thun, welche teils zum Be⸗ ſuche der höheren Gewerbeſchule zu Caſſel unmittelbar vorbereiten, teils denjenigen Schülern, welche ſich dem Gewerbeſtande widmen wollten, eine dem jetzigen Zu⸗ ſtande und den Fortſchritten der Gewerbe entſprechende Ausbildung geben ſollten. Dieſe Schulen würden„den Gipfel der ſtädtiſchen Schulen bilden, in der Regel nur ſolche Knaben aufnehmen, welche den Unterricht in der Knabenſchule vollendet hätten und confirmiert ſeien.“ Ein Beitrag zu den Koſten der neuen Schulen wurde von der Regierung in Ausſicht geſtellt. Die Mitglieder des Schulvorſtandes zu Marburg, zu dem der Landrat der Oberbürgermeiſter und ſämtliche Pfarrer der Stadt gehörten (ſ. unten), unterzogen ſich des ihnen gewordenen Auftrages ſehr bereitwillig und mit vielem Intereſſe. So ſchrieb der damalige Oberbürgermeiſter Volkmar dahier am 7. Decbr. 1836:„Der vorliegende Beſchluß des Miniſteriums iſt ebenſo wichtig als erwünſcht. Es iſt daher nötig, mit allem nur möglichen Ernſt und Umſicht zur Sache zu ſchreiten.“ Und in einem Schreiben desſelben Herrn vom
31. Decbr. 1836 heißt es:„Daß der Stadtrat von der dankbarſten Freude über den beglückenden Inhalt dieſes hohen Beſchluſſes durchdrungen und von der dringenden Notwendigkeit der Errichtung einer ſolchen heilbringen⸗ den Lehranſtalt überzeugt, bereitwillig iſt, aus allen Kräften dazu mitzuwirken und zu dem Ende nicht nur das erforderliche Schullokal, ſondern auch einen jähr⸗ lichen Zuſchuß von 200— 300 Thlr. zu geben.“
Schon früher war man ſeitens der Stadtbehörde der Gründung einer Realſchule dahier näher getreten, und Profeſſor Heſſel, damals Stadtratsmitglied, und Pfarrer Schmitt hatten gemeinſchaftlich einen Organi⸗ ſationsplan zu derſelben entworfen, der auch bei den jetzt ſtattfindenden Beratungen benutzt wurde.
Im Eingange des ausführlichen Berichts des Schul⸗ vorſtandes vom 11. Januar 1837 wird geſagt:„Die wahrhaft väterliche Fürſorge, welche Kurfürſtliches Miniſterium des Innern im Erlaſſe vom 7. Novbr. 1836 für das Wohl unſerer Stadt an den Tag legt, verpflichtet uns zum wärmſten Dank; denn das Be⸗ dürfnis einer Realſchule iſt hier ſehr fühlbar geworden und deren Errichtung erſcheint höchſt wünſchenswert, ja notwendig. Ein wahrer Mangel in unſeren ſtädtiſchen Schulen beſteht darin, daß der Unterricht in denſelben nur ſo weit reicht, als zur allgemeinſten Bildung ge⸗ hört, welchem Umſtand es auch beizumeſſen iſt, daß Ge⸗ werbe, welche hier in einem viel größeren Umfang betrieben werden könnten, immer auf derſelben Stufe ſtehen und hinter anderen Städten zurückbleiben, ſo daß wir in geiſtiger und materieller Hinſicht benachteiligt ſind.... Der Unterricht in der Realſchule hat zum Zweck, den künftigen Kaufmann, Fabrikanten, Künſtler, Handwerker, Oeconomen u. ſ. w. zu ſeinem Berufe tüchtiger zu machen, oder zur Aufnahme in die höhere Gewerbeſchule zu Caſſel vorzubereiten..... Die Real⸗ ſchule ſoll den Gipfel der ſtädtiſchen Schulen bilden und ihre Zöglinge ſollen eine dem jetzigen Zuſtande und den Fortſchritten der Gewerbe entſprechende Bildung haben, damit ſie ſich, in welchem Berufe ſie auch leben und wirken mögen, mit Ehren neben den zum Staatsdienſte Herangebildeten ſtellen können.“
Anmerk. Zur aktenmäßigen Darſtellung der Geſchichte beider Reallehranſtalten wurden mir die umfangreichen Akten der früheren Kurfürſtl. Regierung dahier vom Jahre 1836—1859, des hieſigen ehemaligen Schulvorſtandes und der ſtädtiſchen Behörden vom Jahre 1836—1867 und des Kuratoriums vom Jahre 1867 bis jetzt zur Benutzung in wohlwollender Weiſe überlaſſen, wofür ich den reſp. Behörden meinen beſten Dank abſtatte. Ergänzend kam mir meine Erinnerung vom Jahre 1846 bis heute zu ſtatten, ohne, wie ich hoffe, die objektive Auffaſſung und Darſtellung beeinträchtigt zu haben.


