Am 28. Juli trat der Kandidat des höheren Schulamtes Dr. Ludwig Lahmeyer ſein Probejahr am hieſigen Gymnaſium an.
Die Abiturientenprüfung zum Herbſttermin wurde in ihrem ſchriftlichen Teile vom 5. bis zum 9. Auguſt, in ihrem mündlichen Teile am 5. und 6. September unter dem Vorſitze des Provinzial⸗Schulrates Dr. Rumpel abgehalten.
Das denkwürdigſte Ereignis des abgelaufenen Schuljahres war die am 13., 14. und 15. Auguſt feſtlich begangene erſte Säkularfeier der Anſtalt.
Am 14. Auguſt 1779 hatte Landgraf Friedrich II. von Heſſen die ſtädtiſche Lateinſchule in Caſſel zu einem vollberechtigten Gymnaſium erhoben, dieſer Anſtalt eine neue Organiſation verliehen, ihr ein ſtattliches Schulhaus in der Königsſtraße geſchenkt und ihr zum bleibenden Andenken an dieſe landesväterliche Fürſorge und fürſtliche Liberalität den Namen„Lyceum Fridericianum“ beigelegt, welchen die Anſtalt noch heute führt. Bei den Vorbereitungen zu einer würdigen Feier des erſten Säkularfeſtes fand das Lehrerkollegium höchſt dankenswerte Unterſtützung von Seiten einer Anzahl von Freunden und früheren Schülern der Anſtalt, welche an den Arbeiten des aus Mitgliedern des Lehrerkollegiums gebildeten Comités in bereitwilligſter Weiſe teilnahmen. In wehmütiger, dankbarer Erinnerung ſei hier namentlich des früheren Lehrers der Anſtalt, Herrn Bibliothekars Dr. Groß gedacht, welcher ſich jenen Arbeiten mit ganz beſonderer Aufopferung gewidmet und durch die mühevollen Vorarbeiten zu der von ihm im Namen des Gymnaſiums verfaßten Feſſtſchrift, welche dieſem Jahresberichte vorgedruckt iſt, ſeiner ohnehin wankenden Geſundheit vielleicht zu viel zugemutet hat. Am 30. September erlag der treue Freund der Anſtalt einem erneuten Anfalle ſeiner früheren Herz⸗ krankheit.(Er hatte als Lehrer am Gymnaſium gewirkt vom Herbſt 1845 bis zum 12. Dezember 1847, und wieder vom 1. Juli 1854 an bis Oſtern 1875.)
Der in den Tagen vom 13. bis zum 15. Auguſt begangenen erſten Säkulärfeier ward ein beſonderer Glanz dadurch verliehen, daß Seine Königliche Hoheit der Prinz Wilhelm von Preußen, Höchſtwelcher 2 ½ Jahr lang dem Gymnaſium als Schüler angehört hatte, Se. Großherzogliche Hoheit der Prinz Alexander von Heſſen, Höchſtdeſſen jüngſter Sohn die Prima dieſer Anſtalt beſucht, und Se. Durchlaucht der Fürſt von Waldeck, Höchſtdeſſen einziger Sohn jetzt in das Lyceum als Schüler eintreten wird, das Gymnaſium durch huldvollſte Teilnahme an deſſen hohem Feſte auszeichneten. 3
Am 13. Auguſt fand zur Vorfeier des Feſtes eine Aufführung von Sophokles'„König Odipus“ in griechiſcher Sprache durch Schüler der Prima in dem Thalia⸗Theater ſtatt. Dieſe Vorſtellung wurde zur Begrüßung der Feſtgäſte eingeleitet durch einen Prolog, welchen der Unterprimaner. Speck gedichtet hatte, und den der Primus omnium Fritz Seelig vortrug. Daß die Aufführung jenes Stückes eine auch nach dem Urteile kompetenter Zuſchauer durchaus gelungene war, iſt ebenſoſehr der Liberalität des Intendanten der Königlichen Schauſpiele dahier, des Herrn Baron von und zu Giſſa, welcher die nötigen Garderobeſtücke und Requiſiten zur Verfügung ſtellte, wie der Bereitwilligkeit, mit welcher ſich der Königliche Hof⸗Schauſpieler Herr Mons und die Königliche Hof⸗Schauſpielerin Fräulein Harke der Regie annahmen, wie dem großen Eifer, mit welchem ſich die Herren Oberlehrer Dr. Heldmann vom Gymnaſium und Dr. Wittich von der Realſchule I. O. dem Einſtudieren der Rollen widmeten, während der Direktor die Einübung der Chöre übernommen hatte, wie endlich der rühmlichen Hingebung und dem großen Fleiße der beteiligten Primaner zu verdanken, welche dem Gelingen des Unternehmens bereitwillig einen Teil ihrer Sommerferien zum Opfer brachten.
An dem eigentlichen Feſttage, dem 14. Auguſt, verſammelten ſich die Lehrer und Schüler Vormittags ½ 8 Uhr auf dem Schulhofe. Hier überreichte dem Gymnaſium mit einer Anſprache der Primus omnium drei koſtbare ſeidene Fahnen, eine preußiſche, eine heſſiſche und eine Caſſeler, als Feſtgeſchenk der Schüler


