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T. 1 (1908) Starkenburg
Entstehung
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kalkschichten derartig im Innern ausgehöhlt, dass eine Abzweigung des dortigen Baches an einer Stelle verschwindet und nach einem einige hundert Meter langen unterirdischen Laufe an der Stock- heimer Mühle wieder alsErdbach aus dem Kalkgestein zutage tritt. Bei den genannten Orten wird der Muschelkalk in Stein- brüchen abgebaut und teils als Wegverbesserungsmaterial be- nützt, teils gebrannt. Die Kalke enthalten vielfach Versteinerungen, man findet u. a. Terebratula vulgaris(Lochmuschel), Lima lineata (Feilenmuschel), Ostrea spondyloides(eine Austernart), Holopella obsoleta(eine Schneckenart) und Stielglieder von Encrinus lilii- formis.

Von dem Leben und Treiben der Tiere des Muschelkalk- meeres, besonders der Encriniden, deren Blütezeit der oberen Muschelkalkperiode angehört, gibt E. Fraas folgende anziehende Schilderung:¹Die Beherrscherin des Meeres aber und damit auch heute noch das Leitfossil für den Hauptmuschelkalk war eine schlanke, zarte Dame aus dem uralten Geschlechte der Seelilien, von den Gelehrten Encrinus liliiformis genannt. Einer Lilie gleich wiegte sich auf schwankendem Stiele der Kelch, dessen zehn Fangarme den Blättern der Blume gleichen. Obgleich festgewachsen auf dem Meeresboden, war es doch keine Pflanze, sondern ein richtiges Tier aus der Gruppe der Stachelhäuter oder Echinodermen, verwandt mit den bekannten Seesternen und Seeigeln. Aus kleinen zierlichen Säulentrommeln baute sich der bis 1 m lange Stiel auf, und ebenso waren der Kelch und die Arme aus kleinen Kalkscheibchen zusammengesetzt, welche im Leben zusammengehalten wurden durch eine muskulöse Fleischmasse; mit den Fangarmen zieht das Tier seine Nahrung, die aus kleinen Muschel- und Krebstieren besteht, nach dem inneren Teile des Kelches, wo sich der Mund und Magen befindet. Tritt nun der Tod ein, so zerfällt leider in den meisten Fällen das zierliche Gebilde in zahllose Kalkscheibchen, welche man gewöhnlich als Trochiten bezeichnet, nur in ganz seltenen Fällen, in besonders ruhigen und geschützten Meeres- buchten, konnten die zarten und zerbrechlichen Körper im Zu- sammenhang erhalten bleiben zur Freude eines jeden Sammlers, dem es vergönnt ist, eineSeelilienkrone zu finden. Tausende und abertausende dieser wundervollen Geschöpfe wiegten sich in der klaren Flut, während sich zwischen ihnen Muscheln, Schnecken, Krebse, Fische und zahllose andere Seetiere tummelten.

1 Fraas, Die Triaszeit in Schwaben, Ravensburg 1900.