Zur Einführung
Diese Zusammenstellung von Binger Geschichtsquellen ist in erster Linie für den Schulgebrauch bestimmt, und zwar soll sie nicht minder dem Latein- unterricht wie dem Geschichtsunterricht dienen. Unsere hessischen Lehrpläne, die bisher immer noch nur als Entwurf vorliegen, verlangen ausdrücklich die Konzentration, die Verbindung und gegenseitige Nutzbarmachung verschiedener Unterrichtsfächer. Wie diese in jeder Schulart nach Mafigabe der besonderen Ziele und charakteristischen Fächer verschiedene Konzentration im einzelnen durchzuführen ist. bleibt den Sonderlehrplänen der einzelnen Anstalten über- lassen. Hier wird nun der Versuch gemacht, Latein- und Geschichtsunterricht am Gymnasium einer rheinischen Stadt in enge Verbindung zu bringen, und so zunächst in anschaulicher und lebendiger Weise den Zusammenhang zwi- schen antiker und deutscher Kultur aufzuzeigen.
Darüber hinaus wird der Geschichtsunterricht noch insofern fruchtbringend gestaltet werden können, als in quellenmäftiger Behandlung in den Mittel- Punkt der Heimatgedanke gestellt wird, über dessen Bedeutung man wohl
ein Wort mehr zu verlieren braucht. Die Feststellungen aus der Heimat- geschichte bilden aber wieder den Ausgangspunkt, von dem aus allgemeine geschichtliche Erscheinungen trefflich erläutert werden können. Da in der fast zweitausendjährigen Vergangenheit der Stadt Bingen sich ein eut Teil der Geschichte des rheinischen Landes und unseres Vaterlandes überhaupt wider- spiegelt, so wird das heuristische Lehrverfahren auch die Ergebnisse der allgemeinen Entwicklung anschaulich hervortreten lassen und bei den Schülern lebendige und nachhaltige Eindrücke erzielen.
Auf der anderen Seite wird auch der lateinische Unterricht besonderen Nutzen aus dieser Quellenlektüre ziehen. Wenn in unseren Lehrplänen gefor- dert wird, daf der lateinische Unterricht das Verständnis für die Nachwir- kung der römischen Kultur, insbesondere auf die deutsche Kultur, zu wecken und zu fördern habe, so wird dies hier an einem konkreten Beispiel gezeigt. In einem lesenswerten Aufsatz über„das Ziel des lateinischen Unterrichts früher und jeiſte(Südwestd. Schulblätter 1929, Nr. 10, S. 546 ff.) betont Gg. Sigwart, daft der wirkliche geschichtliche Grund für die Erlernung der latei- nischen Sprache der ist, dafi das Latein einmal in unserem heutigen Deutsch- land und darüber hinaus eine sehr lebendige Sprache war, die jeder, der sich über die Masse erhob, verstehen und gebrauchen muftte. Als lebendige Sprache war das Latein im Mittelalter dauernden Veränderungen unterworfen, für neue Begriffe wurden neue Wörter geschaffen, die Bedeutung vieler Wörter änderte sich, die Satzbildung paſtte sich der geistigen Entwicklung des Abend- landes an. Wäre die Entwicklung so weiter gegangen, so wäre Latein mit der Zeit aus der europäischen Verkehrs- und Literatursprache die Erdteile ver- bindende Weltsprache geworden, und an Volapük und Esperanto hätte nie- mand gedacht.
Die geistige Bewegung jedoch, die man gewöhnlich mit dem Namen Renaissance und Humanismus bezeichnet, brachte es fertig, das lebendige mittel- alterliche Latein aus der Schule und damit aus dem Leben zu verdrängen, und sie setzte an seine Stelle die Nachahmung der sogenannten Klassiker. Das Ziel, das fürderhin drei Jahrhunderte lang den lateinischen Unterricht mafigebend beherrschte, erschöpfte sich darin, mit Hilfe der Nachahmung (imitatio) einen guten lateinischen Stil zu schreiben. Heute ist dieses Ziel wieder gefallen und die Bahn freier geworden. Zwar werden auch fürderhin noch die Klassiker, die Höhepunkte in der Entwicklung darstellen, besonders zu pflegen sein; aber der Unterricht darf sich, ebensowenig wie beim deut- schen Schrifttum, nicht nur auf die Lektüre der Klassiker beschränken: An- leitung zum Verständnis lateinischer Schriften überhaupt wird das nunmehrige Ziel des Lateinunterrichts sein müssen. Denn gerade das nichtklassische Latein


