So oft vaterländische Dichter und Forscher sich mit diesem Saale be- schäftigt haben, dem erinnerungsreichsten, den irgend eine deutsche Stadt besitzt, verweilten sie bei dem denkwürdigen Kennzeichen, das ihrer einer in den Worten angibt:
Bedeckt sind alle Wände Bis an den letzten Saum;
Kein neuer Kaiser fände Zu seinem Bildniss Raum.
Und heute sind wir ausersehen, im Kaisersaale denjenigen deutschen Herr- scher zu feiern, in dessen Person die alte Kaiserwürde erneut worden ist. Was unsere Väter und Grossväter nur in kühnen Ahnungen, in dämmern- dem Traum erspähten, das tritt uns nun an bedeutungsvollem Orte that- sächlich vor die Seele. Durch diese hohen Fenster sah der Kaiser sammt seiner Umgebung denjenigen Tneil der Feier mit an, der der volksthüm- lichste war und noch am deutlichsten in der Vorstellung lebt. Es läge zwar die Ansicht nahe, die Festlichkeiten auf dem Rômerberg seien da- rum unserem Sinne so anschaulich eingeprägt, weil sie von Goethe's Meisterfeder dargestellt sind; denn den Vorgängen im Dom, welche amtlich die wichtigeren waren, hat der Dichter nicht beigewohnt. Und gewiss er- greift uns eine freudige Rührung bei dem Gedanken, dass an derselben Schwelle, über die wir vorhin eingetreten sind, jener fünfzehnjährige Knabe lauschte, der dazu berufen war, anstatt des alterschwachen Kaiserthumes ein neues deutsches Imperium im Reiche des Geistes zu errichten; dass er sich glücklich schätzte, als ein pfälzischer Diener ihm den Eingang in den Saal gewährte, wo der Kaiser mit dem neugewählten König beim Krönungs- mahl verweilte. Dennoch hat die hervorragende Volksthümlichkeit der Feier auf dem alten städtischen Platz einen anderen, tiefer liegenden Grund. In den Hergängen der Krönungsfeier mischten sich nämlich zwei grundver-


