Die Philosophie Schillers und der Deutschunter- richt in den Oberklassen des Gymnasiums.
Von Dr. Karl! Furtmüll1er.
In den beiden obersten Klassen des Gymnasiums steht die Beschäftigung mit Schiller und Goethe im Mittelpunkt des Deutsch- unterrichts. Ihre wichtigsten Werke werden gelesen und besprochen, aus der Kenntnis und dem Verständnis ihrer Dichtungen aber soll sich allmählich ein Gesamtbild Goethes sowohl als Schillers ergeben. Für die Wissenschaft nun liegen die Dinge so, daß der Entwurf eines solchen Gesamtbildes bei Goethe, dem wechselreichen und vielgestaltigen, den größten Schwierigkeiten begegnet, daß es noch keinem Biographen völlig gelungen ist, den individuellen Kern, der dem Dichter des„Götzé und dem Pichter der„Natürlichen Tochter“ gemeinsam ist, völlig klarzulegen. Bei Schiller dagegen, dessen Leben wie aus einem Gusse vor uns daliegt, ergibt sich eine einheitliche Anschauung verhältnismäßig leicht. Für die Be- handlung in der Schule jedoch, die ja nicht so tief zu schürfen hat, kehrt sich das Verhältnis gerade um. Bei Goethe wird der innige Zusammenhang, der stets zwischen seinem Leben und seiner Dichtung bestanden hat, leicht zum einigenden Band, das die einzelnen Werke zusammenhält. Bringt man den Schülern dann durch konkrete Beispiele die Universalität von Goethes geistigen Interessen zum Bewußtsein, macht man ihnen— 2z. B. an der Art, wie er seinen Aufenthalt in Italien ausgenützt hat— klar, was wir unter Goethes„Lebenskunst“ verstehen, so wird ihnen seine Persönlichkeit und sein Wirken in genügender Klarheit vor Augen stehen. Gewiß muß in seinen Werken, auch in denen, die gewöhnlich in der Schule gelesen werden— ich erwähne nur den „Tasso“— manches unverstanden bleiben; aber das wird nicht so sehr ein völliges Nichtverstehen als vielmehr ein Noch-nicht-ganz- verstehen sein und es kann sogar dadurch wohltätig wirken, daß es den begabten und empfänglichen Studierenden anreizen wird, sich in reiferen Jahren immer von neuem mit diesen Werken zu beschäftigen.


