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Über die Einführung unserer Jugend in die deutsche Literatur
Entstehung
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4 hinter ſich, müſſen alſo die techniſche Vorbildung zu einem Fache, die von uns gefordert wird, geben; müſſen dann aber auch mit der allgemeinen, der edlern, menſchlichen Bildung einen Abſchluß zu gewinnen ſuchen.

Sie haben daher gar viele Fragen zu beantworten, vielen Einreden entgegen zu treten, und thun daher am beſten, dem zuvor zu kommen, indem ſie offen ſagen, was ſie thun, wie ſie's thun und warum.

Die Ueberſchrift hat es verrathen, daß ich beabſichtige, über die Einführung unſerer Jugend in die deutſche Literatur zu reden. Es ſchadet vielleicht nicht, wenn ich als eine Art von Definition erkläre, daß unter deutſcher Literatur hier alle Erzeugniſſe des ächt deutſchen Volksgeiſtes zu verſtehen ſind, in Dichtkunſt, Erzählung und freier Rede. Ausgeſchloſſen alle Ueberſetzungen, bis auf die, welche wie Luthers Bibelüberſetzung, Voſſens Homer, ſelbſt aus urdeutſchem Gemüth und ſelbſtſchöpferiſcher Begeiſterung hervorgegangen, ſchöpferiſch auf die ganze Nation gewirkt haben und die Eckſteine hoher, heiliger und veredelter Natürlichkeit(Naivität) bleiben werden, woran ſich von Zeit zu Zeit immer wieder die Verirrungen ſelbſteigner, ſtürmiſcher, launenhafter, blaſirter Ueberhebung brechen und zu ebnen Spiegeln heiterer, hoher Menſchheit glätten werden.

I. Alſo kurz,was thun wir? Ich werde es mit wenigen Worten ſagen können. Wir bemühen uns von der unterſten Klaſſe an die Schüler durch geiſtige Anſchauung in die literariſchen Schöpfungen des deutſchen Geiſtes einzuführen, ſo daß ſie das für ihren Standpunkt Paſſende kennen lernen, durch Leſen und Deklamiren einen gehörigen Vorrath im Gedächtniß aufnehmen und frühzeitig daran gewöhnt werden, dieſen Erſcheinungen den gebührenden Werth und Ton beizulegen. Dieſen Zweck verlieren wir in keiner Klaſſe wieder aus den Augen, im Gegentheil, legen nach gemeinſchaft⸗ licher Berathung in jeder Klaſſe ſo viel zu, als uns nach dem Standpunkte der Schule(der ſchon einige Mal ſich änderte) dienlich erſchien. Von der dritten Klaſſe an beginnt auch ſchon eine mehr abſichtliche Bekanntmachung mit den Formen der Poeſie, beſonders der epiſchen, und mit den verſchie⸗ denen Dichtungsarten. Hier bekommen ſie die erſten überſichtlichen Andeutungen von dem, was die allmähliche und frühere Entwickelung unſeres Volkes betrifft. Da in dieſer Klaſſe, welche die zweite Stufe unſerer Bildung abſchließt, die deutſche Geſchichte vollſtändig gelehrt wird, und Kohlrauſch's Geſchichte der Deutſchen in den Händen der Schüler iſt, zum Theil als Leſebuch benutzt wird: ſo liegt es ganz in der Natur, daß dieſe beiden Unterrichtszweige ſich ergänzen, einer in den andern eingreift und ſie ſich gegenſeitig unter⸗ ſtützen. Von der zweiten Klaſſe an beginnt neben den Leſeübungen ein beſonderer Unterricht in der deutſchen Literatur nach Schäfers bekanntem Handbuche, welches auch in der erſten Klaſſe zu Grunde liegt. In derſelben wird dieſer Unterricht vollendet und in erweiterter Geſtalt bis auf die neueſte Zeit fortgeſetzt, während in der zweiten Klaſſe die ältere Literatur in flüchtigen Umriſſen, bis auf Klopſtock vorzugsweiſe, mit den Schülern beſprochen wird. Mit Hervorhebung der Bedeutung dieſes großen Reformators deutſcher Sprache und Poeſie, beſonders ſeiner Lyrik, ſchließt die zweite Klaſſe ab, die nach ihm und Leſſing mit Herder durchbrechende Glanzepoche durch Göthe und Schiller zur angelegentlichern Würdigung der erſten Klaſſe überlaſſend. Doch wird noch in der zweiten Klaſſe als Vorbemerkung zur Literatur und zur Leſeſtunde eine kurze Ueberſicht über die Dichtungsarten gegeben, was ſich in der erſten Klaſſe in erweitertem Maßſtabe und genauerer Beſchauung wiederholt. Doch werden dabei nicht etwa die Re⸗ geln aufgeſtellt, wonach die Gedichte gemacht ſein ſollen, als ob dergleichen nach Regeln gemacht