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Wie sind auf Gymnasien neuhochdeutsche Classiker zu lesen? / beantwortet von dem Oberlehrer K. Richter
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Chreſtomathien keine einzige noch hat genügen mögen. Nach tauſend Verſuchen immer wieder ein neuer, ohne Erfolg! Der Grund der Sache muß tiefer geſucht werden, da er nicht in der Unfähigkeit ſo vieler, zum Theil literariſch ausgezeichneter Heraus⸗ geber liegen kann.

Wenn es nothwendig zu einem nützlichen Leſen gehört, daß die Hauptideen des Schriftſtellers gefaßt werden, die Ideen und Sätze, die ihn begeiſterten, die er in der mannigfaltigſten Weiſe darſtellte; wenn dieſe Ideen ſich nur durch die Kenntniß der Hauptwerke des Schriftſtellers, in denen ſie vollkommen dargeſtellt ſind, gewinnen laſſen; wenn es bei einem Kunſtwerke auf den Plan ſo vorzüglich ankommt, und jedes Einzelne erſt als paſſender Theil zum Ganzen vollen Werth hat; wenn endlich der Schüler mit der Ausdrucksweiſe des Schriftſtellers ſich vertraut machen ſoll: ſo wird man nicht, wie unſere Chreſtomathien den jungen Leſer immer von einem Schriftſteller zu dem anderen führen dürfen, ohne daß er Einen kennen lernt, nicht aus dem ganzen geriſſene Stücke, wie von der Blüthe gerupfte Blätter, ohne Beziehung auf das Ganze betrachten laſſen; man wird ganze und längere Werke, die Hauptwerke eines Schrift⸗ ſtellers zu leſen geben. So lieſ't man aus ähnlichen Gründen im Lateiniſchen und Griechiſchen nicht mehr Chreſtomathien, ſondern ganze Schriftſteller oder doch ganze längere Werke. Können anch anf dieſe Weiſe die Gymnaſiaſten nur wenige Schrift⸗ ſteller leſen; ſo giebt es einmal der Heroen in der hochdeutſchen Literatur nicht zu viele, und dann hat auch das Gymnaſium, eben ſo wenig, als im Lateiniſchen und Griechiſchen alles zu vollenden. Mögen nur die Schüler ſo viel Bildung gewinnen, daß ſie in die vorzüglichſten Schriftſteller recht eingeführt ſind, und daß ſie ſpäter auch die uͤbrigen mit vollem Nutzen oder auf die rechte Weiſe leſen und verſtehen können.

Zur Vergleichung mit dieſem§. wollen wir noch aus Seneca's zweitem Briefe, an den Lucilius, dieſe Stelle herſetzen:

Dies beachte, ob nicht die Lertüre der vielen Bücher und der mannigfaltigſten Schriften etwas mit einem fluchtigen und unſteten Weſen gemein habe. Man muß