Jahrgang 
1874
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Die Bedeutung des Schwarzen Meeres für den Welthandel.

Die zuſammenhängende Ländermaſſe der alten Welt wird von zwei Seiten her durch eindringende Meere geſpalten. Der eine dieſer Spalte geht in der Richtung der Breitenkreiſe, der andere faſt in Meridianrichtung, und beide kommen ſich mit ihren inneren Enden ſo nahe, daß nur die ſchmale Landenge von Suez ſie von einander trennt.

Dem zweiten dieſer Spalte, dem Rothen Meere, parallel dringt noch ein dritter, der des Perſiſchen Golfs, in die Ländermaſſe hinein. Er findet auf dem Lande eine Fortſetzung am Euphrat und Tigris aufwärts, deren Quellgebiet nur wenige Meilen mehr von dem innerſten Winkel jenes von Weſt nach Oſt eindringenden Spalts, dem Schwarzen Meere, entfernt iſt, als der Meerbuſen von Suez vom Mittelmeere.

Dieſe Spalten waren von der Natur dazu beſtimmt, zwei Welten mit einander zu verbinden, die indiſche und die europäiſche.

Unter dem Namen Indien, deſſen Begriff im Alterthum und Mittelalter ein ſehr unbeſtimmter war, faßte man alle die Länder zuſammen, welche jene koſtbaren Produkte lieferten, nach denen zu allen Zeiten die Völker des Weſtens ſo großes Verlangen trugen: Färbeſtoffe, Edelſteine, Perlen, Reis, Baumwollen⸗ und Seiden⸗Gewebe, feine Holzarten, Droguen, Wohlgerüche u. ſ. w.; vor allem noch Gewürze; alſo China, die indiſch⸗chineſiſche Inſelwelt und die indiſchen Halbinſeln.

Dieſe Produkte ſtrömten zunächſt an der Malabarküſte zuſammen, und auf verſchiedenen Wegen gelangten die vereinigten Waaren Chinas, der hinterindiſchen Inſelwelt und Indiens im engeren Sinne von da an das Mittelmeer.

Der bequemſte und kürzeſte dieſer Wege iſt der durch das Rothe Meer, nicht bloß weil er faſt durchaus Waſſerſtraße iſt, ſondern auch weil die Schiffe ſich nur den Winden anzuvertrauen brauchen, um in der einen Hälfte des Jahres(October bis April) von der Malabarküſte nach dem Bab el Mandeb, in der andern zurück zu gelangen. Im Rothen Meere dagegen herrſcht der Nordwind; nur in der ſüdlichen Hälfte weht vom November bis Mai der Südwind. Auf der Grenze beider liegt Dſchidda. Von dort Suez zu erreichen würde für Segelſchiffe unmöglich ſein, wenn nicht in den Pauſen, die der Nordwind macht, zur Nachtzeit Briſen einträten, welche die Fahrt nach Norden, wenn auch langſam, ermöglichen. Daher die Bedeutung des Hafens von Dſchidda, die noch erhöht wird durch die Nähe des heiligen Mekka; daher auch die ſonſt unerklärliche Thatſache, daß die Schiffe ehemals in den ſüdlichen Häfen der Oſtküſte Aegyptens löſchten und die indiſchen Waaren auf Laſtthieren an den Nil gebracht wurden.

So kamen auf dieſem Wege Waſſer und Wind dem Verkehr zu Hilfe, in einem Grade, der ihm ein

natürliches Uebergewicht über alle andern den Orient und Occident verbindenden Straßen ſicherte. 1*