Druckschrift 
Bemerkungen zu Schillers Dramen. I. Wallenstein
Entstehung
Einzelbild herunterladen

20

Er könnte mit dem verehrten Feldherrn gehn, dem geliebten Freunde, er könnte das Glück der Liebe erringen, aber er verzichtet auf beides, um dem Kaiser die Treue zu halten, die er ihm geschworen hat: selbst in den schwierigsten Verhältnissen zeigt er die Freiheit unseres Geschlechtes. Aber auch dem Freunde will Max die Treue bewahren, soweit er es vermag. Er wirft sich dem Feinde entgegen, um dessen Verbindung mit Wallenstein zu hindern, den Freùnd zu bewahren vor dem Verbrechen, und stirbt als Held. Durch seinen Fall ist Wallenstein schon im Leben bestraft für seinen Treubruch.

Die Blume ist hinweg aus meinem Leben, Und kalt und farblos seh' ich's vor mir liegen.

Was ich mir ferner auch erstreben mag, Das Schöne ist doch weg, das kommt nicht wieder. ¹)

So sind also Episode und Haupthandlung durch die leitende Idee zur Einheit verbunden. Schiller hat das Versprechen gehalten, welches er Körner gab:Es soll ein Ganzes werden, dafür stehe ich Dir, ²) und klar sind nun auch die Worte, die er am 1. März 1799 an K. W. Böttiger schreibt:Jetzt liegt mir das Produkt(Wallenstein) noch zu nahe vor dem Gesicht, aber ich hoffe, jedes einzelne Bestandstück des Gemäldes durch die Idee des Ganzen) begründen zu können.

Für das ganze Gedicht aber gilt das Wort Goethes:Schillers Wallenstein ist so gross, dass in seiner Art zum zweiten Mal nicht etwas Aehnliches vorhanden ist,5) für die Bedeutung des Werkes in der Entwicklung der Litteratur unseres Volkes die Aeusserung Tiecks:Unter die blassen Tugendgespenster jener Tage trat Wallensteins mächtiger Geist. Der Deutsche vernahm wieder, was seine herrliche Sprache vermöge, welchen mächtigen Klang, welche Gesinnungen, welche Gestalten ein echter Dichter wieder heraufgerufen habe. Als ein Denkmal ist dieses tziefsinnige, reiche Werk für alle Zeiten hingestellt, auf welches Deutschland stolz sein darf, und ein Nationalgefühl, einheimische Gesinnung und grosser Sinn strahlt uns aus diesem reinen Spiegel entgegen, um zu wissen, was wir sind und ver- mögen.)

1) WT. V, 3, 3442 f. 3451 f. 2) Briefwechsel 4, 8. 6.

3) So auch Tomaschek: Schillers W. Wien 1858. 8. 32.

4) Diese Idee, welche auchdie Aufforderung zum Stücke war(an Körner 2, S. 310), ist die Ahndung des Treubruchs. Wallenstein geht zu Grunde und muss zu Grunde gehen, weil er seinem Kaiser die Treue bricht. Sein verbrecherisches Unternehmen scheitert an der Treue der Offiziere und der Truppen, es missglückt, weil Wallenstein auf die Treue Octavios baut. Aber auch dieser findet die verdiente Strafe. Zwar wird er gefürstet, aber, weil er die Freundestreue verletzte, erkauft er den Rang, nach dem er stets gestrebt, um einen hohen Preis, er zahlt ihn mit dem Leben seines Sohnes.

5) Eekermann, J. P.: Gespräche mit Goethe. 18231832. 12. Leipzig 1837. S. 381.

6) Dramat. Blätter. 1. Leipzig 1852. 8. 39.