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Die Schicksalsidee in Schillers Wallenstein
Entstehung
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Die Schicksalsidee in Schiller allenstein.

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So sehr der Genius der tragischen Kunst seit den Tagen eines Aschylos und Sophocles bestrebt war neue Bahnen einzuschlagen und dieselben auch wirklich gefunden hat, so sind doch die Tragiker nachhellenischer Zeit immer wieder zuückgekehrt zu dem ewig quellenden Jugendborn aesthetischer Schön- heit, zu dem griechischen Kunstzeitalter. Wir dürfen uns daher nicht wundern, dass auch das Dioscurenpaar Goethe und Schiller in der Epoche ihrer dich- terischen Reife und Vollendung gleich Winkelmann dem Cultus der Classicität, huldigten und dass daher auch die mit Unrecht geschmähte Schicksals- tragödie der Alten auf beide Dichterheroen einen grossen Einfluss ausübte, obwol gerade die Schicksalsidee unserem modernen Geschmacke zu wider- sprechen scheint. Es ist ein oft wiederholter und in voller Allgemeinheit nicht einmal richtiger Ausspruch, dass die antike Tragödie Schicksalstragödie die moderne aber Charaktertragödie sei, in der jeder sozusagen als seines Glückes Schmied betrachtet werden könne. Immerhin müssen wir zugeben, dass das griechische Trauerspiel so lange es nicht vom Zahne sophistischer Skeptik zernagt ist, es in gläubiger Hingebung liebte, Götter- und Menschen- willen derart einander gegenüber zu stellen, dass der Götterwille als die heilige Ananke erscheint, als das gewaltige Schicksal, welchesden Menschen erhebt, indem es den Menschen zermalmt. Und in dieser antiken Wortbe- deutung zieht das Verhängniss auch in Schillers Wallenstein wieder auf den Brettern ein, welche die Welt bedeuten. Sehen wir ab von der ersten Conception des Stückes, in welcher dasselbe mehr auf eine tragische Staatsaction, herbeigeführt durch die grossartige Gestalt Wallensteins, ange- legt war, so erscheint uns Schillers vollendete Trilogie durchaus peeinflusst von der antiken Schicksalsmacht. Diese tritt nämlich in der ebenso weihe- als verhängsvollen Form des Gestirnglaubens auf und wir können mit vollem Rechte den Gestirnglauben und demnach die Schicksalsidee als die wirkende und stürzende Macht, als Lebensnery des dramatischen Werkes, auffassen. Da mir aber die Schicksalsidee in Schillers Wallenstein von den Aesthetikern fast durchaus zu wenig oder nicht ganz objectiv gewürdigt scheint, so will ich der Bedeutung derselben für Schillers erstes classisches Werk einige Zeilen widmen.

Die erste Aufgabe einer unbefangenen aesthetischen Analysis, welche selbst wider die Grundbedingung für jede wahre Kritik eines Dichterwerkes ist, besteht darin, den Autor nicht nach vorgefassten subjectiven Meinungen zu beurtheilen,sondern mit Vermeidung aller Privatgefühle durch seine eigenen Worte zu interpretiren. In dem Prologe zu Schillers Trilogie, der als eine erklärende Zueignung aufzufassen ist, sagt uns nun Schiller ausdrücklich, dass die grössere Hälfte der Schuld Wallensteins den unglückseligen Ge- stirnen zuzuwälzen sei. Aus der durch diese Schicksalsmacht herbeigeführten Schuld Wallensteins, nämlich der des Verrathes, des Abfalles vom Kaiser, folgt der durch neues Walten der Ananke herbeigeführte Untergang des Helden, denn wer des ewigen Rechtes heilige Satzung nicht ehrt, den trifft, rascher Schicksalsschlag.

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