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Die Lektüre des T²l. ist besonders geeignet, den Schüler auf die mehrfach erwähnte Vorliebe Schillers zu Doppelhelden, auf das grosse Interesse an einer zweiten Handlung u. s. w. aufmerksam zu machen. Schon in den R. versucht der Dichter, durch Franzens Bestreben, das Leben des Vaters zu untergraben, eine zweite Handlung zu schaffen; in K. u. L. bekunden diese wachsende Neigung des Dichters die Scenen mit der Milfort, in E. die des Helden mit seiner Gemahlin und Dorias Schwester und die zwischen beiden Frauen; in D. C. erscheint die Neben- handlung Eboli schon in inniger Verbindung mit der Haupthandlung, und das Interesse für Posa rief sogar eine zweite Handlung an Stelle der zuerst geplanten hervor. Der komplizierte Bau des Wlst. legt dafür das beredteste Zeugnis ab. In der J.» O. scheint die innere Handlung, die ja keinem Drama fehlen kann, in diesem aber von besonderer Wichtigkeit ist, in der B. v. M. die Einfügung der Chorlieder, aber in beiden Stücken schon der gewählte Stoff dieser Neigung nicht förderlich gewesen zu sein; im Tl. kommt sie dagegen in qrei fast parallel laufenden Handlungen(siehe die Figur) sehr auffällig wieder zum Vorschein. In M. St. und J. v. O. konnte der Dichter sich nicht versagen, eine Gestalt(in M. St. Mortimer, in J. v. O. Lionel) zu erfinden, die leicht der Träger einer voll- ständigen Nebenhandlung werden konnte, wenn auch nicht in dem Sinne, wie der ebenfalls erfundene Max Piccolomini (siehe die Figur) durch sein Verhältnis zu Thekla in Wlst.
Es sei gestattet, hier noch den Bau von Goethes“ Iphigenie und Egmont sowie Lessings“** Nathan kurz anzugeben:
Iphigenie auf Tauris. Idee: Die fluchbeladene Seele eines wegen Verwandtenmordes von den Rachbegeistern verfolgten Jünglings wird entsühnt durch die reine Menschlichkeit der nach dem himmlischen Ratschluss von ihm wiedergefundenen Schwester, der hehren Priesterin der Gottheit.
4. Sehnsucht Iphigeniens nach ihrer Heimat und den Ihrigen; α—— b. segensreiches Wirken der König Thoas' Werbung mit Hoheit zurückweisenden Priesterin und Geschichte ihres Geschlechts(I, 1 3); c. Nachricht von der Gefangennahme zweier Fremden, an denen das plutige Opfer wieder vollzogen werden soll. Schluss: Iphigeniens Gebet um Befreiung von dem unmenschlichen Dienste(I, 4). 3
Steigerung, 1. äussere Haupthandlung: Iphigenie erfährt durch Pylades die Ermordung ihres Vaters(II, 2), Orest verkündet die Ermordung der Mutter(III, 1); H. die Geschwister erkennen sich(III, 1). 2 innere Haupthand- lung: Orest, von den Furien verlassen, verfällt in düstere Verzweiflung(II, 1), H. lphigeniens Hoheit und reine Empfindung zwingt ihn zum Geständnis der That und hierdurch zur Ertragung der höchsten Seelenqual(III, 1) Nebenhandlung: Pylades sinnt auf Rettung, indem er seinen Plan auf das hoheitsvolle Wesen der Priesterin(II, 1) und der von ihm entdeckten Verwandtschaft derselben mit dem Hause Agamemnons gründet(II, 2). UÜberleitung zur Umkehr: Ermattung, Betäubung(III, 1), Visionen(III, 2); Umkehr(Haupt- und Nebenhandlung vom Höhenpunkte an eng verbunden): Lösung des Fluches. 1. Stufe: Befreiung Orests von der Seelenqual— Iphigeniens Gebet(III, 3);
* Goethes Jugenddrama, Götz von Berlichingen, widerstrebt in vielen Punkten der Technik, die Schiller, der geborene Tragiker, in seinen Erstlingsdramen schon instinktiv befolgte. Clavigo und Faust wird man in der Schule kaum lesen. Über das erstere Stück vgl. G. Fr. a. a. O. p. 104, 106, 112, sowie Semler:„Goethes Clavigo und die sittliche Weltanschauung des Dichters“(1 85), in welcher Abhandlung auch der Bau berücksichtigt ist. Den Bau vom„Tasso“ zeigt G. Fr. a. o. O. p. 102 flg., 170 flg. Es möge hier noch die ldee dieses Stückes hinzu- gefügt werden, da nach dem I, p. 4 aufgestellten G undsatze der Schüler aus dieser die Handlung entwickeln lernen soll: In einem mit reichem Gemüt und überströmender Phantasie begabten Dichter bewirkt der seinem Charakter anhaftende Mangel einer ruhigen, die thatsächlich ten Verhältnisse mit klarer Einsicht durchdringenden Lebens- auffassung den Verlust seines Selbstes, das er erst urch schweren Kampf und mit fremder Hilfe wiedergewinnt.
mr Von Emilia Galotti hat(nach der von G. Fr. gegebenen Analyse, s. a. o. O. p. 43, 94, 106, 112, 140 flg.) Dietrich(Progr. des Progymnasiums in Weissenfels 1882) eine eingehende Besprechung geliefert Die Idee dieser Tragödie möge hier ebenfalls noch angeführt werden: Die UÜberzeugung, dass die Erhaltung der Reinheit der Seele höher steht als das Leben, treibt ein edles, von einem ausschweifenden Vornehmen sowie dessen herzlosem Intri- guanten arg verfolgtes, um das Glück ihrer Liebe betrogenes Mädchen in den Tod, den sie von der Hand des Vaters fordert(vgl. über die Vorfabel, Niemeyer, Programm von Dresden-Neustadt 1878).— Minna von Barnhelm muss, da es ein Lustspiel ist und für dieses andere Gesetze gelten, hier unberücksichtigt bleiben. Bezüglich dieses gern gelesenen Stückes sei ebenfalls auf E. Niemeyer: Lessings Minna von Barnhelm, hist.-krit. Einleitung nebst fort- laufendem Kommentar, 2. Aufl. 1877, hingewiesen.


