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Beitrag zur Behandlung der dramatischen Lektüre : 2. Teil / von Hermann Unbescheid
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5. Die ästhetische Behandlung der dramatischen Lektüre durch den Lehrer bleibt in der Schule die Hauptsache. 136 Die Vorteile derselben sind: a) sie bildet das Gefühl und schärft zugleich den Verstand, indem sie das Kunstwerk als solches, insbesondere auch nach seinen Wirkungen betrachtet; b) sie erleichtert dem Schüler die zur Vorbereitung aufgegebene Lektüre, indem sie ihm eine rasche UÜbersicht ermöglicht durch die Bekanntschaft mit der Gkonomie des Dramas.

6. Die ästhetisch-kritisierende Methode ist dagegen zu vermeiden. Schiefes, vorlautes Urteil würde an Stelle der freudigen Zuversicht treten, mit der die Jugend jedes ihr als klassisch bekannte Kunstwerk aufnehmen will(s. I. p. 2).

7. Nichtsdestoweniger dürfen auffällige Widersprüche, UÜbertreibungen und dergl. nicht als gerecht- fertigt hingestellt werden; ¹³ denn die Aufmerksamkeit auf das Wahre und Schöne in einer Dichtung wird durch ein entgegengesetztes Verfahren abgelenkt, der Schüler in Empfindung und Urteil bezüglich des wahrhaft Klassischen irregeleitet.

8. Die ästhetische Behandlung hat hauptsächlich den Bau des Dramas ¹³⁸ zu berücksichtigen, d. h. denjenigen Teil der Technik, der gleichsam die Naturgesetze der dramatischen Kunst enthält, nach welchen jedes dramatische Kunstwerk alter und neuer Zeit gebildet ist.

9. Die Heranziehung von Theorien über das Drama, d. h. der aus dem fertigen Kunstwerk erst abgeleiteten ästhetischen Grundsätze, ist dagegen entschieden zu verwerfen. Hierdurch würde leicht der Schüler zu dem Irrtum veranlasst werden, dass der Dichter sich in ein gewisses Regelwerk gleichsam ein- zuspinnen habe, während er doch durch die Lektüre klassischer Stücke erkennen soll, dass dem schöpferischen Genie die denkbar grösste Freiheit gebührt. ¹³⁰

136) Ein guter Geschichtslehrer kann nur der werden, der mit historischem Sinn begabt ist. Der letztere aber zeigt sich darin, dass der Lehrer die Macht und Wahrheit der Begebenheit reden lässt wer dies nicht versteht, wird allerdings zu allerhand Toilettenkünsten seine Zuflucht nehmen müssen, d h. die Geschichte fälschen, um die Sache interessant und schmackhaft zu machen. In ähnlicher Weise befähigt aber auch zum deutschen Unterricht eine ästhetische Vorbildung. Ob dann die absprechenden oder unzutreffenden Urteile über Wert und Methode diéser Disziplinen von seiten solcher verstummen werden, denen das historische und ästhetische ABC niemals geläufig geworden ist, muss dahin gestellt bleiben; sicherlich ist aber dann wenigstens unter den Fach- genossen der Standpunkt jenesübrigens ausgezeichneten Philologen gänzlich überwunden, von dem H. v. Treitschke (a, a. O. p. 166) erzählt, er habe einmal in der Schule seine kritischen Bemerkungen über einen Dichter mit der gering- schätzigen Bemerkung geschlossen:das Asthetische versteht sich ja ganz von selbst.

137) Deshalb wurde in den Noten vielfach auf Düntzers(D.) Erläuterungen zu Schiller, im II. Beitrag auch auf Vischers Asthetik(Stuttg. 1854) hingewiesen und das Nachschlagen in den betreffenden Werken durch A bend er Seitenzahl erleichtert. Doch bezieht sich die letztere bei D. auf folgende Auflagen: D. C. 1.(1886 in 2. Aufl.), W st. (1886 in 4. Aufl. erschienen), M. St., J. v. O., B. v. M., T. 2. Aufl.

138) G. Freytags Technik des Dramas(Kap, II, 2) ist hierbei in erster Linie zu empfehlen.

139) Lessing, Hamburgische Dramaturgie, 48. Stück:O ihr Verfertiger allgemeiner Regeln, wie wenig ver- steht ihr die Kunst, und wie wenig besitzt ihr von dem Genie, das die Muster hervorgebracht hat, auf welche ihr sie baut, und das sie übertreten kann, so oft es ihm beliebt!