Druckschrift 
[2] (1894) Zur indogermanischen Syntax : Fortsetzung / von Heinrich Winkler
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Zur indogermanischen Syntax.

(Fortsetzung.)

E⸗ giebt einige Reste einer älteren Bildung des Satzgefüges, wobei der über- und der unter- geordnete Satzteil eigentlich nur durch den Zusammenhang vermittelt werden, thatsächlich aber gleichwertig und unvermittelt nebeneinander treten. Hierher gehören die Absichtssätze des Lateinischen mit ut, ne, von denen später noch eingehender zu sprechen sein wird. Hier stehen neben einander ein einfacher Satz, wie moneo te, tibi dico... und ein ebenso unabhängiger Ausdruck eines Wunsches im Sinne eines: thue das doch glaube das doch ja nicht. Im weiteren Verlauf verblasst die Wunschpartikel(ut, ne), sinkt zum blossen Exponenten des Finalen herab, und die Unterordnung des nunmehr abhängigen Satzteiles von dem jetzt regirenden ist auch sprachlich hergestellt, wie sie es vorher nur dem Sinne nach war.

Abgesehen nun von den abhängigen Fragen und wenigen solchen ebenangedeuteten Fällen, welche allerdings oft ein helles Licht auf die Wege werfen, welche die Sprachentwickelung gegangen ist, vollzieht sich der Ausdruck der Unterordnung im Satzgefüge, also die gesamte Bildung der eigent- lichen Nebensätze mittels der Relativa, gleichviel ob diese pronominal oder adverbial sind.(Es ist hier abzusehen von allen sog. absoluten Constructionen oder dem accus. c. infin., da in diesen Fällen eben von der Herstellung von Nebensätzen keine Rede sein kann, sondern immer nur ein einfacher Satz vorliegt.) Hierbei kommt die thatsächlich zu bejahende Frage auch nicht mehr in Betracht, ob nicht diese Relativa wieder auf eine ältere Periode führen, wo auch hier eigentlich zwei von einander unabhängige Satzgefüge vorlagen; und ob nicht erst im Laufe der Zeit der Begriff des Relativ sowie der Unterordnung sich deshalb ergab, weil der Zusammenhang dies Verhältnis erforderte. Wir haben es also hier nur mit fertigen Relativen zu thun, und diese sind in der Okonomie der Sprache bei der Gestaltung der Nebensätze eine so feste Form geworden, dass sie direct einer neuen Wort- klasse, den Coniunctionen, das Leben gegeben haben. Auch ist die relative Bedeutung in ihnen so stark, dass selbst die wenigen Elemente, welche anderen Wortklassen entnommen, aber in dieser coniunctionalen Bedeutung verwendet sind, für das Sprachbewusstsein voll als Relativa gelten. Aus demselben Grunde ziehen die Dialecte häufig unverfälschte Relativa in diesem Sinne vor, wo die Schriftsprache Elemente verwendet, deren relative Natur abgeblasst ist.

Wenn wir nun auch in den meisten Fällen bei den Coniunctionen ohne weiteres die Vor- stellung relativischer Verknüpfung annehmen dürfen, so ist es doch nicht unwesentlich, einen kurzen Blick auf die Entstehung dieser Bindeelemente zu thun, da wir daraus ersehen, mit wie einfachem Handwerkszeug die Sprache arbeitet und den verwickeltsten Lagen gerecht wird. Es sind im wesent- lichen die gewöhnlichsten Vertreter des wo, wann und wie, welche sonst als reine demon- strative oder relative Adverbia oder gar als Präpositionen Verwendung finden. Dabei sind selbst die Bezeichnungen des wann und wie vielfach sekundär und auf rein örtliche Grundbedeutung zurück- zuführen. Solche Elemente sind vorwiegend da, dann, wann, wo, wie u. à. Die Entscheidung, ob

1*