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[1] (1892) Zur indogermanischen Syntax / von Heinrich Winkler
Entstehung
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Pass reiten, Patrouille gehen, Ronde gehen, Schlitten fahren, Schlittschuh laufen, Schwärmen plasen, Flöte blasen(man achte hier auf die innerlich so ganz verschiedene Art der Verbindung bei Flöte blasen und Schwärmen blasen, und doch sind beide Ausdrücke absolut verständlich), Bass singen, Dame spielen, langsamen Schritt marschieren, Vesper läuten, Feuer schreien, Vergatterung schlagen, Wette laufen, Gefahr laufen(wiederum völlig verschiedene Art Object bei Wette und Gefahr laufen) Botzeche laufen, Vielliebchen essen, Gesundheit, Versöhnung, Minne trinken....

Dabei kann nicht genug daran erinnert werden, dass diese Richtung in vollem Fluss be- griffen, keineswegs eine erstarrte Entwickelungsform ist.

Die Grundbedeutung des Casus der vollsten Unbestimmtheit zeigt das Deutsche wie kaum eine verwandte Sprache in der Anwendung einer Art eigentümlicher absoluter Accusative ohne ein Particip. Den Arm in der Binde trat er ein, den Säbel an der Seite, den Hut auf dem Kopfe, das Buch in der Hand, eine schwere Kette am Bein, die Ledertasche um die Schulter....; man glaube ja nicht. dass hier eine Auslassung vorliegt, daneben kann auch ein Particip vorhanden sein, was den absoluten Charakter der Verbindung durchaus nicht aufhebt; den Kopf in ein Tuch gehüllt, das Gesicht tief verschleiert, das Haupt hoch aufgerichtet, den Arm drohend erhoben ... Auch die absoluten Accusative wie angenommen, dies vorausgeschickt, oder gar Ver- bindungen wie den Vordersatz als Voraussetzung genommen ergiebt sich... sind wahr- scheinlich nicht lediglich Nachahmungen, obwohl sie erheblich weniger ursprünglich erscheinen als die Fälle der erstgenannten Richtung.

Auch dass bei der Zeitangabe im Accusativ nicht die Dauer oder Ausdehnung das Mass- gebende ist, zeigt das Deutsche weit klarer als die meisten verwandten Sprachen, wenn es z. B. heisst: er kam den folgenden Tag, jeden Tag; jede Nacht wachte ich auf, die Woche kam er zweimal. Klarer kann der indifferente Casus, welcher nur durch die Verbindung seinen individuellen Wert erhält, nicht zum Ausdruck kommen.

Dasselbe gilt von den eigentlich adverbialen Accusativen von Pronomina, Adiectiven in voll- stem Masse. Die Anwendung ist von so energischer Unmittelbarkeit, dass man unwillkürlich den gewöhnlichen Objectcasus vor sich zu haben glaubt. Das geht dich nichts an, das schadet nichts, was kommst du schon wieder? Da kommt er mir nichts dir nichts herein. Der letzte Eall, welcher sich mit dem absoluten Accusativ nahe berührt, ist so drastisch, dass kaum im Griechischen Xhnliches vorkommen dürfte. Die tausend Verbindungen mit etwas, viel, mehr.... entsprechen den gleichen Erscheinungen in früher behandelten Sprachen.

Heinrich Winkler.