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Dativ des Interesses ist anzunehmen in Verbindung mit Adjectiven wie angenehm..., mit den Verben des Gebens.... Daneben tritt er in die Sphäre des Locativ, aber genau so wie im Gotischen und Griechischen nur in Verbindung mit Präpositionen, also er selbst wird nicht Locativ.
Der ossetische Dativ ist eine in hohem Grade beachtenswerte Erscheinung; er ist der Casus des Interesses in fast idealer Reinheit, ohne eine Spur von localem Wesen. Er zeigt, mit welcher inneren Gewalt der Casus der Beteiligung die Sprachseele beherrscht, auch wo die alte Form längst geschwunden ist; wie sehr die Sprache bestrebt ist, überall dort ihn nur in seinem wahren Wirkungs- kreise auftreten zu lassen, wo nicht die Notwendigkeit vorliegt, seine energische Kraft anstelle lebens- unfähiger oder allmählich verblasster Casusgebilde einzusetzen. Ein eigentümlicher Entwickelungsgang nämlich hat dem Ossetischen nicht nur die rein örtlichen Casus Locativ und Ablativ belassen, obwohl auch hier die Form selbst neu ist, sondern es sogar in einer auf indogermanischem Gebiet unerhörten Weise ausgestattet; es unterscheidet einen doppelten oder dreifachen Locativ, hat einen Ablativ, und so pleibt, da auch die comitative und instrumentale Seite vollauf ihre Rechnung findet, dem Dativ sein altes Gebiet ungeschmälert. Wenige Beispiele mögen eine Andeutung bezüglich der Anwendung geben, woraus man sogar ersehen wird, dass die alteranische Richtung sich hier deutlich genug fort- setzt. Meinem Vater sein Haus— jemandem sein= angehören— mir zst, ist nicht zu thun= ich kann, darf, muss... thun— für jemanden etwas thun, wissen, erbitten, können— für den Körper Kraft, für die Seele jemandem Ruhe geben— für den Winter— halten für, erwählen zu, dienen zu, als— zum Zeugen, zum Zeichen, als(zur) Antwort geben— dazu, wozu— zur Frau sich erbitten— jemandem geben, zeigen, bereiten, machen, verteilen, zukommen, zu- werfen— Freund, Feind sein— Deinen Vater tötete dir Mälik.....
Keine der übrigen neueren ostindogermanischen Sprachen weist einen auch nur ähnlich ent- wickelten Casus der Beteiligung auf, und doch zeigt eine Reihe eigentümlicher Erscheinungen, nament- lich in den neueranischen, doch auch den neuindischen Sprachen, dass derselbe durchaus nicht örtlich aufgefasst zu werden pflegt, wenn auch die feineren Züge verwischt und recht groben Umrissen gewichen sind. Das so häufige Zusammenfallen von Dativ und Accusativ erinnert an die vorher- erwähnten germanischen Erscheinungen, wobei der Dativ lediglich die stärkere Einwirkung auf das Object, der Accusativ die blosse Objecthandlung hervortreten liess, eine wirkliche Grenze nicht zu ziehen war. Ebenso dürfte in den angedeuteten arischen Tochtersprachen bald der eigentliche Object- casus den Dativ mit in seinen Bereich gezogen haben, bald umgekehrt; im Mittel- und Neupersischen- ist jedenfalls das Letztere geschehen; das hier für den eigentlichen Dativ und den bestimmten Accusativ verwendete Zeichen ist zunächst der reine Vertreter des Zweckes, Interesses und lange nur in diesem Sinne verwendet worden; sehr spät ist die Zweckrichtung derart verblasst, dass es auch der einfachen Objectbeziehung dient. Auch die Entstehung desselben ist in hohem Grade eigenartig; es ist nichts weniger als local gefärbt, im Gegenteil so einseitig ausgeprägt unsinnlich wie wenig andere Casus- suffixe; darüber kann kein Zweifel sein, nachdem Hübschmann sein Werden durch alle Phasen ver- folgt hat. cf. Zur Casuslehre, p. 329. Das locativische rädiy= causä, aus der Veranlassung von, zum Zweck von, für... verbindet sich zunächst regelrecht mit einem Genetiv, wie das lateinische causa, verblasst, wird zum Vertreter des Dativ im Sinne des eigentlichen Interesses, zum Suffix in den Gestalten rai, rà. Seine unörtliche Bedeutung macht es im Mittelpersischen sogar unfähig, die- jenigen Seiten des Dativwesens mit zu vertreten, in denen doch eine Art Richtung, wenn auch mehr im übertragenen Sinne, obwaltet. Sowohl im Huzvaresch nämlich als auch im Pehlevi giebt es neben diesem Dativ des reinen Interesses einen Dativ oder besser einen Casus der Richtung, bei den Aus- drücken der Bewegung, und zur Bezeichnung des sogen. entfernteren Objects, bei geben und ver- wandten Verben; das hierfür im Pehlevi verwendete ö ist das avi= nach hin, gegen des Avesta. Es hat somit das Mittelpersische den alteranischen Dativ, dessen weitem Wirkungskreise ein Suffix diente, auseinandergerissen und einen so engen und so specifisch unörtlichen Teildativ geschaffen wie


