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Auffassung ausschlaggebend gewesen sei zunächst bei den Verben der ersten Kategorie; sie liegt nicht so fern, wie man glaubt, da bei wissen, sich erinnern das wirkliche Object der Wahrnehmung thatsächlich nur einen Teil des ganzen Objects umfasst; es findet das seinen klaren Ausdruck in dem uns sehr geläufigen von etwas wissen, hören, den wir unbedenklich selbst da anwenden, wo wir den ganzen Objectinhalt meinen. Dazu kommt, dass sich anscheinend auch die eigentlich ablati- vische Auffassung wieder mit der partitiven vielfach hier kreuzt; das Object des Wissens, sich Er- innerns ist doch deutlich auch der Ausgangspunkt, die Grundlage der Wahrnehmung und der geistigen Stimmung. Diese Empfindung waltet vor bei den ungezählten Verbindungen wie reden, sprechen, sich unterhalten... von, loqui, disputare, dicere... de.
Bei den Ausdrücken des Strebens, Trachtens, Festhaltens an u. ä. ist es dem Verfasser sehr zweifelhaft, welche Grundauffassung oder welche Combinationen verschiedener Auffassungen vorliegen, und ob überhaupt überall wesentlich dieselben Gesichtspunkte massgebend sind. Jedenfalls ist die Richtung selbst im Arischen, Germanischen, Griechischen vertreten. Das Arische und Germanische giebt ihm hier keinen genügenden Anhalt zur Entscheidung nach irgend einer Seite; doch bietet vielleicht das Griechische eine Handhabe. Das Streben wird sprachlich häufig ganz materiell als festhalten an, festzuhalten suchen aufgefasst, und thatsächlich verbindet sich dieser Ausdruck selbst, im Arischen wie im Griechischen, auch mit dem Genetiv. Gerade in diesem Sinne aber wird das Object meist nur partiell getroffen werden, es wird die Handlung wesentlich ein Berühren, zu berühren Suchen sein. Das Griechische zeigt nun klar, dass es jedes Berühren als partielles Erfassen ansieht, da die Ausdrücke dafür regelmässig den hier wohl jedenfalls partitiven Genetiv regieren. In dieser Weise wäre selbst die auffallende Verbindung von sri= treten auf, iric= verletzen, im Avesta erklärbar, doch ist das blosse Vermutung. Hübschm. p. 279 enthält sich jeder speciellen Deutung.
Bezüglich der Verba des Herrschens, die im Arischen und Griechischen den Genetiv haben, ist die Frage berechtigt, ob hier nicht die Nominalnatur des Begriffs Herrscher, König sein die Veranlassung dazu ist; thatsächlich sind die betreffenden Verba z. t. reine Denominativa cf. Baotxeuety.
Vergleichen wir im einzelnen, was hier unterbleiben muss, die Art und Zahl der Verba, welche ihr Object im Genetiv haben, im Arischen, Griechischen und Germanischen, so ergiebt sich die unleugbare Thatsache, dass diese Ausartung des Nominalcasus zuerst nur schüchtern auftritt, allmählich aber in ungemessenem Umfange um sich greift und durchaus feste Formen annimmt. Im Avesta und ebenso im Sanskrit finden wir allerdings ganz vereinzelt eine Anzahl Verba, die jedenfalls in sehr früher Zeit schon sich mit dem Genetiv verbanden, im ganzen aber verschwinden sie der Zahl und inneren Beschaffenheit nach gegenüber den zahlreichen und mannigfaltig gearteten gleichen Verbindungen des Griechischen; den Hôhepunkt bezeichnet das Germanische, und dabei ist wiederum zu beachten, dass das Angelsächsische, Altnordische, namentlich aber das Nieder- und Hochdeutsche wieder auf der im Gotischen klar angedeuteten Bahn in einer Weise fortschreiten, die dieses kaum ahnen lässt.
Der Genetiv ist seiner Natur nach kein Casus für präpositionale Verbindung. Gleichwohl tritt er auch hier vielfach auf; zunächst überall da, wo die Nominalbedeutung der Präposition durch- schimmert, eine im Germanischen wieder sehr entwickelte Richtung, von der in verschiedenen ver- wandten Zweigen kaum Spuren vorhanden sind; dann im Sinne des Ablativ, eine z. B. im Griechischen die ganze Sprache beherrschende Erscheinung, auch im Slavischen sehr entwickelt, dem Germanischen dagegen völlig unbekannt, da dasselbe einen ganz anderen Weg einschlägt. Schliesslich treffen wir sogar hier wieder partitive Auffassung, z. B. im Sinne eines comitativen Partitiv, wie unzweifelhaft im Avesta, wenn das rein comitative mat= mit sich mit dem Genetiv verbindet: geusch mat darethandàm= mit(von) Fleischspeisen. Hübschm. p. 280. Eine andere Erklärung ist aus- geschlossen, es könnte sonst nur der Comitativ noch stehen.
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