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Weſen der Vaterlandsliebe.— Am Nachmittag um 2 Uhr verſammelten ſich die Lehrer und Schüler nochmals in der Aula, wo der Direktor den Schülern eine Fahne mit dem Motto: Gott zur Ehre! Treu dem Könige! In Liebe zum Vaterland! als ein freundliches Andenken bei ſeinem bevorſtehenden Scheiden überreichte. Danach ordnete ſich auf dem Kollegienplatz der Feſtzug der Schüler, welcher ſich zum erſten Mal unter Vorantritt des neugebildeten Trommlerkorps durch die Straßen der Stadt bewegte und durch die neuen Klaſſenfahnen ein beſonders maleriſches Bild darbot. Der Zug ging, wie im vorigen Jahr, nach dem Nottberg, wo ſich alsbald am Rande eines Waldes ein fröhliches Leben und Treiben entfaltete, zumal ſich zu unſerer Freude die An⸗ gehörigen der Schüler wieder in großer Zahl eingefunden hatten. Leider aber ſollte das ſchöne Jugendfeſt nicht zur vollen Entfaltung kommen, indem nach etwa einer Stunde ein furchtbares Gewitter heranzog und die Feſtfeiernden zwang, ſich in eiliger Flucht in die nächſten Bauernhöfe zu retten, wo nun die Hunderte von Menſchen, in Häuſern und Scheunen eng zuſammengedrängt, mehrere Stunden auf das Nachlaſſen des Unwetters warten mußten. Endlich konnte der Rück⸗ marſch angetreten werden. Da ſich der Himmel mittlerweile aufgeklärt hatte, ſo wurden vor dem Thore der Stadt die dort in dem Hauſe des Herrn Papierfabrikanten Küker lagernden Fackeln und Lampions angezündet, und nun ordnete ſich ein Fackelzug, welcher zunächſt durch die Straßen der Stadt marſchierte und ſich ſchließlich vor dem Gymnaſium aufſtellte. Dort brachte der Primus omnium Karl Frölich dem Direktor den Dank der Schüler für die ihnen gewidmete Fahne in einem lauten Hoch aus. Der Direktor erinnerte in ſeiner Antwort an die hohe Bedeutung des Nationalfeſtes und faßte die Gefühle des Dankes und der Treue zuſammen in einem Hoch auf den allgeliebten kaiſerlichen Herrn. In dieſes ſtimmten die Schüler jubelnd ein und warfen ſodann unter den Klängen des: Heil Dir im Siegerkranz! ihre Fackeln zuſammen.
Dienſtag den 23. und Mittwoch den 24. September werden unter dem Vorſitz des Hrn. Provinzial⸗Schulrats Dr. Lahmeyer aus Kaſſel elf Oberprimaner mündlich geprüft; zehn der⸗ ſelben erlangten das Zeugnis der Reife.
Mit dem Schluß des Sommerſemeſters beendigte der Königl. Gymnaſial⸗Direktor Dr.
Buchenau, welcher durch Hohe Verfügung des Herrn Miniſters vom 8. Juli 1884 zum Direktor
des Königl. Gymnaſiums zu Marburg ernannt worden war, ſeine amtliche Thätigkeit an dem⸗ ſelben. Aus dieſer Veranlaſſung brachten die Schüler des Gymnaſiums am Abend des 26. Sept. ihrem ſcheidenden Direktor einen ſolennen Fackelzug. Sonnabend der 27. September, der letzte Schultag, war ſodann in ſeltener Weiſe ein Tag des Abſchieds, indem der Direktor, nachdem er die zehn Abiturienten mit einem freundlichen Abſchiedswort und unter Aushändigung der Reife⸗ zeugniſſe aus dem Verbande der Anſtalt entlaſſen hatte, als ſeine letzte Amtshandlung noch drei mit ihm zugleich ſcheidende Lehrer von der Anſtalt zu entlaſſen hatte. Es war dies zunächſt der Kantor Chriſtian Kapmeier, welcher, nachdem er beinahe 40 Jahre lang mit treuer Hingabe den Geſangunterricht am Gymnaſium geleitet hatte, auf ſeinen Wunſch in den wohlverdienten Ruheſtand trat, ſodann der Wiſſ. Hülfslehrer Guſtav Weidenbach, welcher nach nur halbjähriger Thätigkeit am hieſigen Gymnaſium zum ordentlichen Lehrer am Fürſtl. Waldeck'ſchen Gymnaſium


