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1 (1879)
Entstehung
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Am darauffolgenden Wilhelmstag, Dienstag, den 28. Mai, wurde dahier in der luthe⸗ riſchen Stadtkirche die von Bonn aus angeregte kirchliche Dankfeier abgehalten, an welcher ſich unſer Gymnaſium durch Beſuch des Gottesdienſtes und durch die Mitwirkung des Gymnaſial⸗Chors bei demſelben betheiligte. Nachmittags machten die einzelnen Klaſſen unter Leitung der betr. Ordina⸗ rien Ausflüge nach verſchiedenen Punkten der Umgebung.

Kaum aber hatten ſich die aufs tiefſte erregten Gemüther ein wenig beruhigt, als die blutige That des 2. Juni und die ſchwere Verwundung Sr. Majeſtät aufs neue alles mit Schrecken und Entſetzen erfüllte.

Bei der Morgenandacht des nächſten Tages(Montag, den 3. Juni) gab der Director den Gefühlen des Abſcheus vor einer ſo grauenvollen That, ſowie der Freude und Dankbarkeit gegen Gott, deſſen Gnade das Schlimmſte von unſerm Volk abgewendet hatte, in ernſten Worten und unter Verleſung des 143. Pſalms entſprechenden Ausdruck.

Am 8. Juni ſtarb nach längerer Krankheit an einem Lungenleiden der Obertertianer Heinrich Schnüll, ein ſehr wohlgeſitteter, fleißiger und treuer Schüler von ſinnigem Gemüth, der ſeinen Mitſchülern und allen ſeinen Lehrern lieb und werth war. Er hatte ſein Leiden mit großer Ergebung getragen und war mit völliger Klarheit über ſeinen Zuſtand und getröſtet durch den gläubigen Aufblick zu Gott und ſeinen Heiland dem Tod entgegengegangen. Die erſte Morgen⸗ andacht nach den Pfingſttagen wurde ſeinem Gedächtnis gewidmet, und an demſelben Tage wurde er unter dem Geleit der ganzen Schule und unter Geſängen des ausgewählten Chors zur Ruhe beſtattet.

Der 2. September wurde zur Erinnerung an den großen Sieg bei Sedan von unſerm Gym⸗ naſium morgens um 8 Uhr mit einer gemeinſamen, durch Vorträge des Geſang⸗Chors erweiterten Andacht begonnen; der Unterricht fiel an dieſem Tage aus. Gegen 10 Uhr verſammelten ſich ſo⸗ dann Lehrer und Schüler auf dem Kollegienplatz und zogen mit der großen Gymnaſial⸗ und den Klaſſenfahnen nach dem benachbarten Dorfe Volkſen. Auf dem Wege dahin tummelten ſich die Schüler unter Leitung der jüngeren Lehrer in muntern Kriegsſpielen. Nachmittags begann im Freien die eigentliche Feſtfeier, welche aus Vorträgen Schenkendorf'ſcher Gedichte durch die Schüler, aus Chorgeſängen und einer patriotiſchen Anſprache des Directors beſtand.

Am 18. September war die Aula des Gymnaſiums zum erſten Male mit dem Porträt des zu Sulzfeld bei Meiningen 1588 geborenen und als Profeſſor der Theologie und Superintendent zu Rinteln 1632 geſtorbenen Joſua Stegmann(ſ. Jahresbericht von 1878]) geſchmückt. Das⸗ ſelbe iſt nach dem in der hieſigen Stadtkirche befindlichen Original von dem Maler David in Hannover künſtleriſch reprodncirt. Der Director wies an dieſem Tage in kurzen Worten auf die Bedeutung Stegmanns(er iſt der Dichter des Liedes Nr. 61 in unſerm Evangel Schul⸗Geſangbuch: Ach bleib' mit deiner Gnade¹) und der Stiftung ſeines Porträts für unſer Gymnaſium hin.

Mit dem Schluß des Sommerſemeſters rückte der Augenblick heran, wo der ſeitherige Leiter der Anſtalt, Director Dr. O. Frick, von der ihm liebgewordenen Schule Abſchied nehmen ſollte, um einem ehrenvollen Rufe als Mitdirector der Francke'ſchen Stiftungen in Halle Folge zu leiſten.

Sonnabend, den 21. September verſammelten ſich die Schüler, welche ſich gedrungen fühlten, den Empfindungen ihrer Dankbarkeit gegen den ſcheidenden Director durch Ueberreichung eines Ge⸗ ſchenkes Ausdruck zu geben, mit ihren Lehrern in der Aula, und, nachdem der Director durch den Chor mit ſeinem Lieblingspſalm 121(von Mendelsſohn) empfangen worden war, übergab der Pri-