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2 (1895) Jahresbericht über das Schuljahr 1894/95
Entstehung
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Am 8. April 1835 ſtarb Wilhelm von Humboldt,

ein Todesfall, der Wilken bei ſeiner hohen Verehrung für dieſen ausgezeichneten Mann und ſeinen freundſchaftlichen Beziehungen zu ihm ſehr nahe ging. Lebensjahre hatte Humboldt ihn nicht ſelten beſucht.„Wenn

er vorfuhr“, erzählt Friedrich Franz Wilken,„kam ich wohl

hinzu und half ihm beim Ausſteigen; er war in den

Extremitäten faſt vollſtändig gelähmt, und faſt wie einen Klumpen hob ich mit ſeinem Bedienten ihn aus dem Wagen und trug ihn halb in die ebener Erde gelegenen Zimmer

des Vaters. Wenn er dann aber bei dieſem auf dem Sopha ſaß und den mächtigen Kopf mit den großen, durch⸗

dringenden Augen aufrecht hielt, begriff man nicht, daß Denn alles ſchien

es derſelbe hülfloſe Menſch ſein konnte. bei ihm Leben und Kraft.“ ¹)

Im Juli mußte Wilken zu einer Kur wieder nach Teplitz reiſen, wo er, von ſeinem älteſten Sohne begleitet, nach kurzem Aufenthalt in Dresden am 13. Juli anlangte. Sie trafen in Teplitz ſchon den alten Tiedge an, der trotz ſeiner 83 Jahre noch ſehr munter und geiſtesfriſch war.

Mit ihm und Böttiger, der einige Tage ſpäter mit dem

alten Tauchnitz auch erſchien, verkehrten ſie täglich. ²)

ſchaftlichen Beſtrebungen und abermals, am 9. Juli 1840, ebenfalls wegen Verhinderung Wilkens, eine andere Rede desſelben zur Ver⸗ leſung brachte, welche von der politiſchen Wirkſamkeit von Leibniz handelte(ſ. daſ. 1839, S. 14 und 1840, S. 152). über ſonſtige Teilnahme Wilkens an Verhandlungen der Akademie vergl. deren Monatsber. 1836, S. 57. 1837, S. 119. 1838, S. 136 und Abhand⸗ lungen der Akademie 1835, S. X.

¹) Am 10. Juli 1835 ſchrieb Alexander v. Humboldt an Wilken, der ein Erſcheinen der Akademie in corpore beim Begräbnis Wilhelm v. Humboldts angeboten hatte:„Ich kann, theurer Freund, die ehren⸗ volle Anerkennung der Akademie nicht annehmen. Die Familie hat kaum 12—14 der genauſten Freunde von dem Tag des Begräbniſſes (Sonntag 11 Uhr Morgens) avertieren laſſen, niemand vom Staatsrat, Miniſterium. Da die Töchter dabei ſein wollen, ſo wünſchen ſie mehr Einſamkeit in ihrem tiefen Elende. Aber auf Sie, Verehrteſter, Bopp, Böckh u. ſ. w. rechnen ſie mit Dank, wenn Sie kommen können ohne Ihrer Geſundheit zu ſchaden.—— Sie erhalten, wie Sie wiſſen, ein wichtiges Verzeichnis aller Sprachbücher für die Bibliothek. Er ließ noch im Sterben mich den Katalog der geſchenkten Bücher beſonders legen. „Man muß“, ſagte er heiter,„nicht bloß der Bibliothek verſprechen, man muß auch halten und alles ordentlich. Die Sache iſt von Werth, vielleicht thun ſie dann auch etwas mehr für den braven Buſchmann.“ [Dieſer wurde wirklich noch 1835 als Kuſtos angeſtellt.] Einige Tage darauf(denn ach, wir ſahen ihn 10 Tage ſterben) fragte er wieder nach dem Verzeichniſſe ſeiner Sprachbücher. Es exiſtiert gewiß keine vollſtändigere Sammlung in Europa, den ganzen Erd⸗ kreis umfaſſend. Dankbarſt Ihr Al. Humboldt.“

über das Verhältnis Wilkens zu W. v. Humboldt ſ. auch

Schleſier, Erinnerungen an W. v. H. II. 545. ²) Damals machte Tiedge ihnen auch über die letzten Tage

des 1810 in Teplitz verſtorbenen Seume einige Mitteilungen, welche

Seine Perſönlichleit imponierte mir ſehr.

An ſeine von gutem Erfolg begleitete Kur beſchloß Wilken dann noch eine Reiſe nach Süddeutſchland anzu⸗

ſchließen und verließ mit ſeinem Sohn Teplitz am 6. Auguſt, Bis in ſeine letzten

kam am 7. nach Karlsbad, wo er— aus welcher Veranlaſſung, iſt nicht zu erſehen— dem ruſſiſchen Staatsrat Paul von Schilling⸗Cannſtadt, dem Erfinder des elektriſchen Zeiger⸗ telegraphen, einen Beſuch machte, darauf über Eger, wo die Stätten der Erinnerung an Wallenſtein aufgeſucht wurden, nach Regensburg und langte am 13. abends über Landshut in München an. Schon am folgenden Morgen beſuchte er den Oberbibliothekar Lichtenthaler; Sulpiz Boiſſerée war leider mit ſeiner Frau auf einer Rheinreiſe abweſend, aber noch gähnend begrüßte den Beſuch das Faktotum der Brüder, der ſeltſame Bertram, der die Nächte gewöhnlich, mit einer großen Anzahl von Katzen beſchäftigt, durchwachte¹);

bald kam auch Melchior Boiſſerée aus der Stadt zurück und nahm ſie mit lebhafteſter Freude auf; er vermittelte ihnen

auch eine Mietwohnung in ſeinem Hauſe. Nicht lange, ſo fand ſich auch Neumann dort ein und der Chemiker Profeſſor

V Heinrich Auguſt Vogel, ein Jugendgeſpiele Wilkens aus

der Ratzeburger Zeit; ebenſo leiſtete Eduard Gerhard aus Berlin ihnen häufig Geſellſchaft. Auch Künſtler lernte er kennen, die Maler Neher, Ruben und Zimmermann und den italieniſchen Bildhauer Fr. Sanguinetti, und beſuchte ebenſo den Architekten Gärtner, der eben die neue Bibliothek baute.

Mit Melchior Boiſſerée fuhr Wilken endlich auch nach Neuhauſen, dem eine Stunde von München entfernten Land⸗ aufenthalt Schellings.„Wir trafen anfangs nur Schellings Frau,“ ſchreibt Friedrich Franz,„eine Tochter des Dichters Gotter, eine zarte und feine Erſcheinung, und eine ihrer Schweſtern; bald aber kam auch Schelling vom Spazier⸗ gang zurück, und wir blieben bis in den Abend hinein. Auf einem ge⸗

die Darſtellung von Clodius in Seumes„Mein Leben“, Ausg. d. Bibl. Inſtituts S. 102 ergänzen: Seume war mit ihm und Eliſe von der Recke bei dem Prälaten in Oſſeg zur Tafel geladen worden. Er hatte vom Arzte die Vorſchrift erhalten ſtreng diät zu leben, und Frau von der Recke daher die Einladung für ihn abgelehnt. Aber Seume erfuhr davon, machte ihr heftige Vorwürfe, und die Einladung wurde nun für ihn angenommen. Man fuhr hinaus, nachdem Seume der Freundin die bündigſten Verſprechungen ſeiner Enthaltſamkeit hatte geben müſſen; er blieb ihnen auch zunächſt treu, aber als ihm ein Glas Bier vorgeſetzt wurde, das er gern trank, leerte er es auf einen Zug. Faſt unmittelbar darauf wurde er un⸗

wohl und mußte in ein Seitenzimmer gebracht werden; Ärzte wurden

geholt, richteten aber nichts mehr aus. Man konnte ihn noch nach Teplitz bringen, aber zwei Tage darauf war er tot.

¹) Von niemand wird er beſſer charakteriſiert als von Amalie von Helvig bei Biſſing, a. a. O. S. 327— 28.