Druckschrift 
1 (1899)
Entstehung
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Erscheinungen erschöpft und zum sicheren Besitz des Schülers geworden ist. Damit findet vielfach das betreffende grammatische Kapitel seinen Abschluss.

Gerade jetzt aber hat meines Erachtens eine überaus wichtige Thätigkeit zu erfolgen, die der deutschen Grammatik zu gute kommt. Wie man im Lateinischen mit der Einzel- erscheinung allmählich die verwandten zusammengebracht hat, so muss zum Abschluss des betreffenden Kapitels die deutsche Einzelerscheinung, von der man ausging, den Mittelpunkt für die mit ihr zusammengehörigen deutschen Spracherscheinungen bilden. Erläutern wir diese Forderung an einem Beispiel! In dem lateinischen Übungsbuch ist man etwa zu dem Ab- schnitt gekommen, der die Adverbia zum Gegenstand hat.

I. Stufe. Bevor die Lektüre der betreffenden UÜbungssätze beginnt, wird der Begriff Adverbium an deutschen Sätzen festgestellt; z. B. Themistokles hat klug gehandelt(als er zu Xerxes einen Sklaven sandte). Bei der Zergliederung des Satzes ergibt sich, dass man nachklug von dem Verbum des Satzes aus fragen muss; es bildetklug eine nähere Be- stimmung zum Verbum(daher die Bezeichnung Ad-verbium); dieses Adverb steht auf die Frage: wie hat Themistokles gehandelt? Variationen des Satzes wie:Themistokles und Aristides haben klug gehandelt oder:Handelt klug führen zu der Erkenntnis, dass das Adverb im Deutschen unveränderlich ist. Sätze wie:Der wahrhaft edle Mann lügt nicht und:Aristides war wahrhaft edel lehren, dass auch Adjektiva in prädikativer oder attributiver Stellung durch Adverbien näher bestimmt werden. Nun folgt die

II. Stufe. Es treten die lateinischen Ubungssätze in grosser Zahl dem Schüler ent- gegen. An ihnen lernt er, in welcher Weise im Lateinischen die Adverbia gebildet werden. Gemeinsam ist den lateinischen und deutschen Adverbien, wie er bald erkennt, die Unver- änderlichkeit. Erweitert wird das Wissen des Schülers, wenn er einsieht, dass nicht mit einer und der selben Frage nach den verschiedenen Adverbien gefragt werden kann, sondern, dass es für Adverbien vier Arten von Fragen gibt, solche, in denen das Substantiv Zeit, Ort, Art und Weise, Grund vorkommt. Wenn die Kenntnis der lateinischen Adverbien an zahlreichen Beispielen gesichert ist, hat meines Erachtens zu folgen die

III. Stufe. Es wird in dem Deutschen oder wenn was doch wohl die Ausnahme ist Lateinisch und Deutsch nicht in einer Hand liegen, in dem lateinischen Unterricht zu den deutschen Adverbien zurückgekehrt. Zunächst wird noch einmal der Zweck der Adverbien ins Gedächtnis gerufen. Es werden sodann die vorgekommenen deutschen Adverbien auf ihre Bildung untersucht; das Ergebnis ist, dass sie in solche zerfallen, die 1) von Substantiven oder Adjektiven und 2) von Pronominalstämmen gebildet werden. Endlich wird, wofür schon die Fragen mit den Substantiven Ort, Zeit, Art und Weise, Grund vorgearbeitet haben, fest- gestellt, dass es Adverbia des Ortes, der Zeit, der Art und Weise und des Grundes gibt.

Die folgende Abhandlung bietet Zusammenfassungen ¹), die sich auf die Wortlehre, die Lehre vom einfachen und zusammengesetzten Satz und die Kasuslehre beziehen; sie sollen zeigen, was bei einem Unterricht in der lateinischen Grammatik, der vom Deutschen ausgeht und das Deutsche stets im Auge behält, für die Muttersprache gewonnen werden kann. Zum anderen umfasst die Abhandlung die Lehre vom zusammengesetzten Satz. Mit ihr wird die Grundlage für den lateinischen Unterricht der Tertien gelegt, insoweit er die Modus- und Tempuslehre ²) zum Gegenstand hat.

¹) Dass manches von dem Vorgebrachten sich mit dem, was den Ausgangspunkt für das Lateinische zu bilden hat, nahe berührt, wird nach den gegebenen Darlegungen nicht befremden. ²) Wie dieser dann wieder in den Tertien eine abschliessende Behandlung der deutschen Modus- und Tempuslehre zu folgen hat, habe ich in dem Bensheimer Programm von 1898 dargelegt.