Druckschrift 
1 (1879) Alte Kirchengeschichte / [von Ferdinand Schantz]
Entstehung
Einzelbild herunterladen

* X

Alte Kirchengeschichte.

I. Periode. Von dem Tode der Apostel bis auf Constantin d. Gr.

§. 1. Ausbreitung und Verfolgung des Christenthunms.

I. In Palästina, Phönicien, Syrien, Kleinasien, Babylonien, ferner in Macedonien, IIlyrien, Griechenland, Rom und Umgegend gab es schon in der Apostelzeit Gemeinden. Mit grosser Schnelligkeit breitete sich das Evangelium über das ganze römische Reich, ja über die Grenzen desselben aus. In Edessa regierte schon um 170 ein christlicher Fürst, in Parthien, Indien(wahrsch. Jemen) gab es um dieselbe Zeit Gemeinden. Von Alexandria aus kam das Christenthum nach Unterägypten, später nach dem koptischen Oberägypten, von Kleinasien aus nach Südgallien, von Rom aus nach Karthago; bald gab es in der Provinz Afrika, Numidien und Mauretanien eine blühende Kirche. Um 200 hatte das Christenthum auch in Nordgallien, Spanien, Britannien, dem römischen Germanien Wurzel geschlagen. So zerfiel die alte Kirche in die morgenländisch-griechische und die abendländisch- lateinische. Die Gründe der schnellen Ausbreitung waren der religiöse und sittliche Verfall des Heidenthums, die Fortdauer der Wundergaben in der Kirche, die stille, aber eifrige Mission der Christen, ihr heiliges Leben, ihre Liebe unter einander und gegen die Heiden(»Seht, wie sie sich einander lieben!«), der Heldenmuth der Christen in den schrecklichsten Martern.»Das Blut der Märtyrer war die Saat der Kirche«, nicht selten wurden die Henker der Märtyrer zunächst nach ihnen hingerichtet; auch die Flucht vieler Verfolgten diente zur Ausbreitung des Evangeliums.

II. So lange das Christenthum als jüdische Secte galt, war es geduldet worden, als neue, eigenthümliche Religion war es eine»unerlaubte Religion«. Ferner erschienen die Christen als Feinde des Staates und der Kaiser, denn sie bedrohten das nationale Heidenthum, das nach römischer Ansicht die festeste Stütze des Staates war, und verweigerten die Verehrung der Götter und Kaiser, die als bürgerliche Pflicht galt. Die Abneigung der Christen gegen den Staatsdienst, ihre Zurück- gezogenheit von Götterfesten, Schauspielen, Thierkämpfen, ihre enge Verbindung, die falsch gedeutete Erwartung vom Reiche Gottes alles schien den Verdacht einer menschenfeindlichen Verschwörung zu bestätigen. Das Volk hasste die Christen als Feinde seiner Götter und hielt das Christenthum, das keine Tempel und Opfer hatte, für Gottlosigkeit. Bald kamen die schändlichsten Verleumdungen auf, die Christen schlachteten Kinder, lebten in der grössten Unsittlichkeit. Als Verächter der Götter sollten die Christen auch an allem Unglück des Staates schuld sein.»Wenn die Tiber bis zu den Mauern Roms steigt, wenn der Nil die Gefilde nicht überschwemmt, wenn Erdbeben, Hungers- noth, Pest eintritt, sogleich heisst es: die Christen vor die Löwen!-(Tertullian). Zudem reizten heidnische Priester, Zauberer, Juden das Volk bei jeder Gelegenheit gegen die Christen auf.