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gänzlich vergeßen ſein; doch was ſage ich, wie wäre es möglich, daß nach einem Decennium ſchon im Merz 1858 die Merztage des Jahres 1848, die Schmach und die Rettung, bei ſo vielen unſerer Landsleute faſt aus dem Bewußtſein wieder entſchwunden ſind, alſo daß kaum Radetzky's Leichenfeier oder der wiederholte Ausbruch der dämoniſchen Mächte in demſelben Land, aus dem die wilden Wogen der Revolution über unſere Lande dahinſtrömten, die harten, vergeßenen Herzen für einen Augenblick in eine bald wieder verſchwindende Aufregung verſetzen kann!
Damit hängt denn aufs Engſte die ſichtbar erkaltete Liebe zu unſeres Volkes Poeſie zuſammen. Noch vor zwanzig bis dreißig Jahren gehörten, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, Schillers und Göthes Gedichte und Dramen, von Leſſing und Bürger, Hölty, Voß, Jean Paul und anderen zu ſchweigen, mit zu dem geiſtigen und gemütlichen Leben des jugendlichen Herzens; und wenn ſich allerdings auch unſtreitig viel Krankhaftes in dieſe jugendliche Teilnahme an den Kunſtſchöpfungen der poetiſchen Meiſter mit einmiſchte, und wir daher die noch dazu in der Regel ſentimentale Hingabe an oft ſehr irregehende Gefühle und Ge⸗ danken ſchlechterdings nicht billigen wollen: die Hingebungs⸗ fähigkeit der Seele war doch da; es kam nur darauf an, ſie auch hier auf die rechten, praktiſchen Ziele zu leiten. Das ſcheint aber jetzt ſchon ganz anders zu ſein. Nicht etwa, daß bloß der Geſchmack an ſo manchen Gedichten Schillers, die ſonſt gerade am meiſten geprieſen zu werden pflegten, und an deren rhetoſieren⸗ der Sprache geſchwunden wäre— darüber könnte man ſich am Ende nur freuen—; nein, es iſt vielfach eine förmliche Apathie für alles Poetiſche, für wahrhaft dichteriche Gedanken und An— ſchauungen, für das Lied und den rechten Geſang eingetreten; und die müßen wir, zumal wenn ſie mit der ſchweren Seelen⸗ krankheit des fleiſchlichen Sinnes und des Unglaubens zuſammen⸗ hängt, allerdings anf das Tieſſte beklagen.
Denn das iſt ja freilich der ſchlimmſie Schaden, daß die Hingabe der Seele an unſer Väter Bekenntnis zu dem dreimal


