Druckschrift 
1 (1856)
Entstehung
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DDer erste Theil Sophokleischer Studien, welcher in den nachstehenden Blättern enthalten ist, war ursprünglich nur dazu bestimt, als ein besonderer Excurs zu einer kritisch-exegetischen Behandlung einiger schwierigeren Sophokleischen Stellen zu dienen und zwar so, dasz sich daran noch eine genaue Darlegung der Versöhnungs- oder Sühnidee des Oedipus in Rolonos anschlieszen sollte. Der Umfang aber, den dieser Excurs für sich allein in Anspruch nahm, machte es notwendig, ihn von der einzelnen Stelle, an die er sich anlehnte, abzulöszen und zugleich die erwähnte Exposition über den Oedipus Coloneus auf eine andere Gelegenheit zu verschieben. So bildet nun die nachfolgende Abhandlung ein kleineres selbständiges Ganze, das hauptsächlich die Bestimmung hat, dem groszen Tragoediendichter in der Auffaszung und dramatischen Darstellung der einen Thatsache, in der zuletzt fast alle tragischen Motive wurzeln, ruhig nachzugehen und dabei insbesondere nach Höhe und Tiefe, Umfang und Inhalt auf die Grenzen und Schranken hinzuweisen, über welche auch der antike Dramatiker nicht hinaus konnte. Diese Grenzen und Schranken sind aber im allgemeinen keine anderen, als die, welche das Gebiet der Offenbarung Gottes von dem auszerhalb der göttlichen Offenbarung stehenden Gebiet des antiken Heidentums über- haupt scheiden. Darum muszten denn auch sowol die einzelnen Lichtstrahlen wie die noch gar nicht erleuchteten Stellen bei Sophokles an das Licht der vollen Warheit gestellt werden, um an diesem Gegensatz die wirklichen Grenzlinien der Sophokleischen Anschauung deutlich bestimmen zu können. Denn weit entfernt, damit die Darstellung des Dichters irgendwie zu beeinträchtigen, glauben wir ihr vielmehr gerade durch dieses Verfahren ihr volles Recht eingeräumt zu haben. Ueberhaupt, die oft geäuszerte Besorgnis, durchchristliche Gedanken werde die objective Auffaszung des antiken Griechen- und Römertums getrübt oder gar zerstört, könnte doch nur da einigermaszen gerechtfertigt erscheinen, wo man die beiden Gebiete

der Offenbarung und des Heidentums, statt sie gehörig auseinander zu halten, willkürlich