Druckschrift 
1 (1888)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

30

erhalten. Im Jahre 1839 wurde eine Abteilung griechischer Soldaten durch widrige Winde auf diese Insel verschlagen, welche in kurzer Zeit 20 Stück teilweise mit den Bajonetten erlegten. Wem fällt hierbei nicht das Abenteuer des Odysseus und seiner Gefährten auf der von Ziegen wimmelnden, menschenleeren Insel ein? Es ist nicht unmöglich, daſs dem Dichter bei der Schilderung dieser ein Eiland wie Polyägus vorgeschwebt habe, an der wohl mancher Schiffahrer das Abenteuer des Odysseus nacherlebt haben mag, wenn man auch in der Reihe der einzelnen von den odysseeischen Schiffen angelaufenen Länder die Ziegen- insel folgerecht der Südküste Sikaniens gegenüber zu denken kat. Die Annahme nun, daſs wir es bei den Ziegen von Joura mit dem Paseng zu thun hätten, ist vor kurzem durch die Bemühungen des Forschungsreisenden E. v. Oertzen endgültig widerlegt worden, dem es gelang, eine Wildziege auf dieser Insel einzufangen. Das Tier befindet sich seit kurzer Zeit im Berliner zoologischen Garten¹¹).Es zeigt einen ausserordentlich kräftigen Körperbau, ist kleiner als unsere Hausziege, durch dunkelbraune, von schwarzen Binden durchzogene Bedeckung ausgezeichnet. Die sehnigen Beine erinnern an die der Gemse und sind ohne Zweifel von gleicher Leistungsfähigkeit. Die leichtgeschweiften Hörner haben etwa die Länge des Kopfes und bleiben hinter denen des Paseng weit zurück. Schon v. d. Mühle berichtete, dals nach seinen Erkundigungen diese Ziege so wild sei, daſs sie den Jäger anfalle, und wenn er nicht vorsichtig sei, über den Felsen hinabstürze. Dies erscheint nach den an dem Tier im Berliner zoologischen Garten gemachten Erfahrungen glaubwürdig, da der etwa zweijährige Bock beim Anblick von Menschen in groſse Wut gerät, in mächtigen Sätzen dem Besucher entgegenstürzt und zornsprühend gegen das Drahtgitter stöſst.Trotz der täglich unternommenen nutzlosen Versuche, groſs und klein zu überrennen, läſst die Kampf- lust nicht nach. Durch diese Eigenschaft des Tieres wird es auch erklärlich, wie es jenen vom Sturm verschlagenen griechischen Soldaten gelingen konnte, 20 der flinken Ziegen mit dem Bajonett zu töten, da sie höchstwahrscheinlich von ihnen angenommen wurden. Dadurch wird auch des Odysseus Erzählung, daſs er und seine Gefährten, in drei Gruppen geteilt, einhundert und acht Ziegen, auf jedes der 12 Schiffe neun, erlegt hätten, in das Bereich der Möglichkeit gerückt.

Zwei Tiere also, nämlich diese neuentdeckte Ziege und der Paseng auf Kreta und in Kleinasien(vielleicht auch die Gemse,¹²) wenn nicht auch dieses angeblich auf den Höhen des Olymp und anderer griechischen Berge hausende Tier sich demnächst als mit der auf Joura entdeckten identisch erweist) ¹³) wurden von den Griechen unter einem Namen alsWild-

¹¹) Abbildung und kurze Beschreibung s. IIlustrierte Zeitung Nr. 2324 vom 14. Januar 1888. ¹1²) Heuzey, le mont Olympe p. 131: les forèêts du haut Olympe sont pleines de betes de toute espèce; les cerfs, les chevreuils s'y trouvent en abondance. Dans les régions supérieures, habitent les chamois Gι⁶mφ³⁵. Th. de Heldreich, la faune de Grèce(am Parnassus und anderen nordgriechischen Bergen). ¹3) Dies liegt nicht aufser dem Gebiet der Wahrscheinlichkeit Berichtete doch schon 1844 v. d. Mühle (s. Anm. 10), dals die auf Joura vorkommende Ziege auch am Öta und auf dem Veluchigebirge(dem Tymphrestus) vorkomme. Die dunkelbraune Färbung der Gemse hat auch die Jouraziege. Wenn das Gehörn beider der Form nach auch keine Khnlichkeit hat, so wäre doch eine Verwechslung weit weniger