In der Picardie herrſchte an beiden Ufern der Somme die größte Aufregung.„In Wahrheit,“ verſichert der burgundiſche Geſchichtſchreiber,„Karl hätte mit ſeiner ganzen Macht nur nach Saint-Quentin, Corbie, Amiens, Abbeville und vielen andern feſten Städten und Burgen zu kommen brauchen, der größte Theil der Einwohner war völlig bereit, ihn als Herrn zu empfangen, und wünſchte nichts weiter in der Welt, als ihm Gehorſam zu leiſten.“ Er that es aber nicht, „weil er einestheils den Herzog von Burgund ſtark an Truppen wußte und anderntheils hoffte, daß ein guter Vergleich zwiſchen ihnen zu Stande kommen würde.“*³
Gleichzeitig begann ſich in der Normandie von zwei Seiten her ein für die engliſche Herrſchaft hoͤchſt gefährlicher Brand zu entzünden. Im Nordweſten wurden Schlag auf Schlag vier bedeutende Feſtungen: Aumale, Torcy*), Estrepagny⸗*) und Chateau-Gaillard***), von Anhängern des Königs, letztere von La Hire, erobert, welcher den ſeit neun Jahren im Schloß⸗ turme ſchmachtenden, mit der Stadt Melun in die Gewalt Heinrichs V gefallenen Ritter Bar⸗ bazan befreitezo. Um dieſelbe Zeit war der Connetable Arthur von Richemond durch Maine und Perche, worin er die Feſtungen Galerande, Ramefort und Malicorne bezwang, nach dem ſüdöſtlichen Theile der Normandie vorgedrungen und bedrohte bereits Evreux, während der bre⸗ toniſche Edelmann Ferbourg Bons⸗Moulins****) wegnahm und Johann Armange, von Lorés Gefolge, mit dem bretoniſchen Edlen Heinrich von Villeblanche ſich des feſten Platzes Saint⸗ Célerin bei Alencon bemächtigte. Immer raſcher pflanzte ſich die Bewegung wie unter den Edelleuten, ſo im Volke fort und drohte um ſo größere Verhältniſſe anzunehmen, je ſchwächere Beſatzungen in den engliſchen Feſten zurückgeblieben warenit. Erlag Evreux den Waffen des Connetable, ſo reichte dieſer den nördlichen Streifcorps die Hand, und es ſtand zu beſorgen, daß Bethford in kurzer Friſt von der Normandie, dem Hauptſitz und dem Stützpunct der engliſchen Herrſchaft, abgeſchnitten ſein würde. Angeſichts dieſer trüben Geſtaltung der Dinge, welche durch Johannas Vorrücken nach Senlis noch bedenklicher wurde, ſah ſich Bethford zu dem Entſchluße
edrängt, die Hauptſtadt preiszugeben, um in der Normandie der engliſchen Krone ihren koſtbar⸗
hen Edelſtein zu retten. Er übertrug den Schutz von Paris dem Biſchof von Thérouenne und Kanzler von Frankreich für den jungen König Heinrich: Ludwig von Luxemburg, dem Ober⸗ richter(prévôt) von Paris Simon Morhier, dem engliſchen Feldherrn Radley und andern Hauptleuten nebſt zweitauſend Kriegern, ſowie dem burgundiſchen Feldherrn Johann von Villiers, Heunht v. L'Ile-Adam mit ſeinen burgundiſchen Truppen und eilte(auf jedem Fall vor dem 26. Aug. mit ſeiner ganzen Armee über Saint-Denis nach Rouen„in großer Trauer und Furcht, 19) die Jungfrau den König Karl in ſeine Herrſchaft wieder einſetzen würder2.“
Während alle dieſe Ereigniſſe mit lauter Stimme den König zur That riefen, ſaß er in guter Ruhe in Compiègue.„Es ſchien“, ſagt Perceval von Cagny,„als wäre er zufrieden mit der Gnade, die Gott ihm geſchenkt, und hätte keine Luſt, weiter etwas zu unternehmen“. Wer möchte es verſuchen, Johannas Schmerzen mit entſprechenden Ausdrücken zu ſchildern! Umſonſt mahnte ſie täglich zum Aufbruch nach Paris, das eigentliche Ziel der ganzen Heerfahrt, um⸗ ſonſt verbürgte ſie ſich für den Erfolg. Endlich nach fünf fruchtlos verbrachten Tagen griff Johanna, wie in Gien, zu dem verzweifelten Mittel, den König mit Gewalt auf die Bahn der That fortzudrängen. Sie ſprach zu dem Herzog von Alençon:„Mein ſchöner Herzog, laßt eure Krieger und die der andern Hauptleute ſich fertig machen. Bei meinem Gott, ich will Paris mehr in der Nähe ſehen, als ich es geſehen habe.⸗†) Dienſtag den 23. Auguſt verließ die
*) Vier Meilen ſüdlich von Dieppe. *») Drei Meilen weſtlich von Giſors. 4 *) An der Seine gelegen, ſieben Meilen von Rouen. ) Drei Meilen nördlich von Mortagne.
†) Sie hatte Paris ſehen oder wenigſtens den Montmartre erkennen können von den Höhen von Dammartin.—


