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Vorſicht unterlaßen hatte, das that er jetzt, wo er über eine verhältnismäßig kleine Schar von Kriegern verfügte, mit einer Verwegenheit, welche der Held oftmals aus der Ueberzeugung ſchöpft, daß dem Aeußerſten nur durch die äußerſten Mittel zu entgehen iſt: er ließ auf die Nachricht von dem Anmarſch der Franzöſiſchen Armee ſeine Soldaten unter die Waffen treten und führte ſie in geſchloßenen Gliedern dem Feinde entgegen. Die Franzoſen, keines Angriffs gewärtig und deshalb ſchwerlich in geordneten Schlachtreihen anrückend, hielten den erſten Stoß der Engländer nicht aus, ſondern wichen in beſtürzter Flucht. Johanna, welche inzwiſchen herangekommen war, ergriff ſofort ihre Fahne und ſprengte damit auf die andringenden Feinde los. Nur Muth!l rief ſie ihren Kriegern zu. Dieſe folgten ſcharenweiſe in dem guten Glauben, daß der Jungfrau kein Gegner Stand zu halten vermöge. Nicht lange und die Engländer waren hinter die Stadtmauern zurückgeworfen, die Vorſtädte erobert. Die Bürgerwehrleute, welche in der bloßen Anweſenheit der Jungfrau beim Heere eine Bürgſchaft für das Gelingen jedes Unternehmens ſahen, machten ſogar ohne Vorwißen der letzteren den Verſuch, die Feſtungs⸗ werke der Stadt durch einen kühnen Handſtreich zu nehmen, muſten ſich aber nach fuucnoſen Anſtrengungen zurückziehen. Sämmtliche Truppen übernachteten in den Häuſern der Vorſtädte, ohne daß beſondere Schutzwachen ausgeſtellt wurden. Hätten die Engländer, ſagt der Herzog von Aleucon, einen Ausfall gemacht, wir wären in große Gefahr gerathen, daß ſie es nicht thaten, iſt mir Beweis, daß Gott unſere Sache führtei?. Noch während der Nacht richtete Jo⸗ hanna, ihrer Gewohnheit nach, folgende Aufforderung an die Belagerten: Uebergebet den Platz dem Könige des Himmels und dem edlen Könige Karl und ziehet von dannen, wo nicht, wird es Euch zum Verderben gereichens. Graf Suffolk würdigte den Antrag keiner Beachtung. Er war Soldat im edelſten Sinne des Wortes und hätte ſich lieber unter den Trümmern der Feſtung begraben, als in eine Uebergabe gewilligt, welche angeſichts der von Paris zugeſagten Hülfstruppen doppelt ſchmachvoll geweſen wären“. 1
Als der Morgen dämmerte, wurde das Geſchütz aufgefahren und Anſtalt getroffen, um die Stadt auß's nachdrücklichſte zu beſchießen. Wie es ſcheint, ordnete Johanna ſelber die Batterien, wenigſtens ſchreibt ihr Alençon ein ausgezeichnetes Geſchick zu, die Artillerie aufzuſtellen4s. Kaum aber hatten die Kanonen und Bombarden zu ſpielen begonnen, als das Gerucht ſich verbreitete, Falſtolf, der geſürchtete Sieger von Rouvray, rücke von Paris heran mit beträcht⸗ licher Truppenſtärke, um Jargeau zu entſetzen. Erſchreckt durch dieſe Nachricht, erklärten meh⸗ rere Oberſten, man müße die Belagerung augenblicklich aufheben und Falſtolf entgegengehen. Einige machten ihre Worte ſofort zur That, und die übrigen wären wahrſcheinlich ihrem Bei⸗ ſpiele gefolgt, hätte nicht Johanna, von wenigen Feldherrn unterſtützt, die Wankenden durch eindringliche Vorſtellungen zum Bleiben vermocht. Auch die bereits im Abmarſch Begriffenen ließen ſich zur Umkehr beſtimmen4s. So brachte dieſer Zwiſchenfall, welcher beinahe das Aufgeben der Belagerung zur Folge gehabt hätte, die entgegengeſetzte Wirkung her⸗ vor. Wem leuchtete nicht die Nothwendigkeit ein, daß vor Falſtolfs Eintreffen Jargeau er⸗ obert ſein müße? Mit verdoppeltem Eifer wurde daher das Geſchützfeuer erneuert und nicht nur den Tag über fortgeſetzt, ſondern auch die ganze Nacht hindurch unterhalten. Die Be⸗ lagerten erwiderten daſſelbe auf' kräftigſte, und mancher Franzoſe ward von ihren Kugeln und ſonſtigen Wurfgeſchoßen getödtet oder verwundet; allein ſie vermochten nicht, das Zerſtö⸗ rungswerk der Feinde zu hemmen, die Stadt wurde an vielen Stellen arg beſchädigt, und der gröſte ihrer Türme fiel, von drei Bombenſchüßen zerſchmettert, zu Boden:⁷.—
Als die aufgehende Sonne den Greuel der Verwüſtung beleuchtete, überzeugte ſich der beſonnene Graf Suffolk von der Zweckmäßigkeit, die Rettung der Stadt auf dem Wege der Unterhandlungen zu verſuchen. Er ſchickte zu dem Ende in der Frühſtunde(Montags des 13. Juni) eine Geſandtſchaft in das heunſs Lager und bot einen Waffenſtillſtand von vierzehn Tagen an, nach deſſen Ablauf er ſich bereit erklaͤrte, die Stadt zu übergeben, falls dieſelbe nicht inzwiſchen entſetzt ſein würde. Die Franzöſiſchen Generale traten zur Berathung


