Druckschrift 
1 (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

37

ihren Befehlen nicht Folge geleiſtet wurde. Dem Grafen Dunois drohte ſie für dieſen Fall das Haupt abſchlagen zu laßen*). Man lege das nicht als natürliche Härte oder als Hochmuth aus, ſondern bedenke, daß ſie um Gottes willen, in acfien Dienſte ſie alles zu thun glaubte, auf pünktlichen Vollzug ihrer Anordnungen dringen muſte. i n Wenn, zumal in ſchweren Zeitläuften, dch in einer Perſönlichkeit ein ſo ſeltener Verein von

außerordentlichen Eigenſchaften beiſammen findet, dann deutet dieſe Begabung auf einegroße hiſtoriſche Beſtimmung hin. Es kann keine Frage ſein, daß der Jungfrau von Domremy eine große Miſſion beſchieden war, denn ſie war mit allem, was die kritiſche Lage der Dinge er⸗ heiſchte, in eminentem Grade ausgeſtattet. Die Viſionen waren die unbedingte Vorausſetzung zur Ausführung dieſes Berufes. Was es für eine Bewandtnis mit denſelben gehabt, ob ſie wirklich Erſcheinungen aus dem Geiſterreiche, oder die zu Stimmen und Geſtalten gewordenen Ideen ihrer großen Seele waren, dies zu unterſuchen iſt zunächſt nicht das Geſchäft des Hiſtori⸗ kers**). Offen geſagt iſt für uns die ganze Frage von untergeordneter Bedeutung. Wir hal⸗ ten feſt an der Ueberzeugung, daß weder das Leben des einzelnen Menſchen, noch die Geſchichte der geſammten Menſchheit ohne einen lebendigen Gott und eine bis ins Kleinſte ſich erſtreckende Weltregierung zu begreifen iſt. Für uns hat das Wort der Schrift, daß jedes Haar auf des Menſchen Haupte gezählt iſt, und daß kein Sperling ohne Gott auf die Erde fällt, volle Wahr⸗ heit in jedem Bereiche des Daſeins, eine Wahrheit, welche die menſchliche Freiheit und die Ge⸗ ſetze der Natur keineswegs zu nichte macht. Und wer in dieſem Glauben mit uns einig, wer auch nur mit dem Ausſpruch des großen Dichters einverſtanden iſt:***)

Was wär' ein Gott, der nur von außen ſtieße,

Im Kreis das All am Finger laufen ließe!

Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen,

Natur in Sich, Sich, in Natur zu hegen,

So daß was in Ihm lebt und webt und iſt,

Nie Seine Kraft, nie Seinen Geiſt vermißt.. wer einräumt, daß Johanna was ſie war, nicht ohne Gott geweſen iſt, was ſie gethan, nicht ohne Gott gethan hat: der wird uns Recht geben, wenn wir ſagen, daß es für die Sache ſelbſt gleichgültig iſt, ob Gott der Jungfrau ſeine Engel und Heiligen vom Himmel geſandt, oder ihre leibliche und geiſtige Natur ſo organiſiert hat, daß die Gedanken, welche ihre Feuerſeele wahrlich nicht ohne Gottes treibenden oder zulaßenden Willen dachte, ihr als Stimmen und Geſichte von Paradieſesweſen vor die äußeren Sinne traten. Genug: Johanna muſte ſein, was un wir ſie war, um ihrem König und Vaterland zu ſein, was ſie ihnen nach Gottes Rathſchluß ein ſollte.

Johanna war ſchön von Geſtalt und wohl gebildet 234, ziemlich groß für ihr Geſchlecht 235, von ſeltener Körperſtärke und Ausdauer ²36, dabei ſchlank in der Taille 237 und von ſchönem Buſen ²3s. Das Geſicht friſch und voll 239, freundliche Mienen ²40, ſchwarzes Haar ²41. Le Brun de Charmettes beſchreibt die Züge der Jungfrau nach einem Bilde noch genauer:Die Stirn mittler Höhe, Augen groß und mandelförmig geſchlitzt, Augäpfel unentſchieden zwiſchen grün und hellbraun, der Blick ſchwermüthig und von unbeſchreiblicher Lieblichkeit, die Augenbrauen fein gezeichnet, weder vollkommen bogenförmig, noch ganz horizontal, mit einer leichten Bie⸗ gung in der Mitte, die Naſe grad und wohlgebaut, etwas dünn und von angemeßener Länge,

*) G. III, 212: Bastart, Bastart, au nom de Dieu, je te commande que tantost que tu scauras la venue dudit Ffastolf, que tu le me ſaces scavoir, car, s'il passe sans que je le sachie, je te 1 promets que je te feray oster la teste.. 4; **) Wir werden ſpäter auf dieſe Frage zurückkommen und die hauptſächlichſten Anſichten mittheilen. *) Göthes Werke II, 227 sq.