Druckschrift 
1 (1857)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

2

ſterben der älteren Linie des Capetingiſchen Mannsſtammes brachte den blutigen Erbfolgekrieg zwiſchen England und Frankreich zum Ausbruche, welcher erſt dann ſein Ende erreichte, als die Herrſchaft der Engländer auf ihre natürlichen Grenzen beſchränkt war. Kraft des Saliſchen Geſetzes, welches die Frauen des Koͤniglichen Hauſes von der Erbberechtigung ausſchloß, ſetzten die Franzoſen den Brudersſohn Philipps IV., Philipp VI. von Valois, auf den Thron; der thatkräftige König Eduard III. von England dagegen nahm als Sohn von Philipps IV. Toch⸗ ter Iſabella die Krone Frankreichs in Anſpruch, indem er die Behauptung aufſtellte, das Sali⸗ ſche Geſetz habe zwar für ſeine Mutter als Frau volle Gültigkeit, nicht aber für ihn. Glän⸗ zende Siege erfocht Eduard beſonders durch die Tapferkeit ſeines gleichnamigen Sohnes, des von der Farbe ſeiner Rüſtung ſogenannten ſchwarzen Prinzen, über weit zahlreichere Fran⸗ zöſiſche Heere, namentlich bei Crecy 1346 und auf der Ebene von Maupertuis, zwei Franzöſiſche Meilen von Portiers, 1356. Doch gelang es ihm ſo wenig, Frankreich ſeinem Scepter zu un⸗ terwerfen, daß er vielmehr am Ende Feines Lebens(1377) alle ſeine Beſitzungen jenſeit des Canals mit Ausnahme von Calais, Bordeaux, Bayonne und einiger kleinern Plätze verloren ſah. Sein heldenmüthiger Sohn war ihm im Tode vorangegangen. Eduards III. Nachfolger waren zu ſehr mit inneren Angelegenheiten beſchäftigt, als daß ſie an Machtvergrößerung nach außen hätten denken können. Als aber mit Heinrich V.(1413 1422) das Scepter von Eng⸗ land in die Hand eines Königs kam, der an Thatkraft Eduard III. ähnlich war, brachte die Hoffnung, das zerrüttete Frankreich durch Frankreich zu überwinden, die lang verhaltene Flamme des Krieges zu neuem Ausbruch. Kaum war nämlich Karl V.(13641380) geſtorben, ſo be⸗ gann wegen der Unmündigkeit ſeines noch nicht zwölfjährigen Sohnes, Karls VI., Streit um die Regentſchaft. Ein greßes Unheil für Frankreich war unter dieſen Umſtänden die ſchon im Jahre 1392 in Folge ausſchweifenden Lebenswandels eingetretene Geiſteskrankheit des Königs, welche von lichten Zwiſchenzeiten unterbrochen bis an ſeinen Tod(1422), alſo volle dreißig

ahre, fortwährte und das unglückliche Land allen Greueln der wüſteſten Habgier und Herrſch⸗ ſucht der Parteien preisgab. An der Spitze derſelben ſtanden des Königs Bruder, Herzog Lud⸗ wig von Orleans, und ſein Oheim, der Herzog Philipp von Burgund. Auf die Seite des er⸗ ſteren trat die Königin Iſabella(Iſabeau). Sie war die Tochter des Herzogs Stephan von Baiern und bereits 1385 als vierzehnjähriges Kind von bewunderter Schöuheit mit Carl VI. vermählt worden. Selten hat eine Fürſtin einen ſo ernſten und wichtigen Beruf empfangen, ſelten jo ſchlecht erfüllt, als Iſabella. Sie hatte die Aufgabe, als Vormünderin ihrer Kinder und erſtes Mitglied des Staatsraths die Stütze Frankreichs zu werden und dem Ehrgeiz ihrer Verwandten Schranken zu ſetzen; aber gerade dazu fehlte ihr nicht weniger als alles. Statt zum Segen ward ſie Frankreich zum Fluch. Ihr Beruf erforderte Einſicht, Stärke des Willens und die Entäußerungskraft jener Liebe, welche auf das Heil der Unterthanen die Herr⸗ lichkeit des Thrones baut; ſtatt ſolcher Eigenſchaften beſaß ſie einen hohen Grad von Unwißen⸗ heit, Widerwillen gegen jede ernſte Thätigkeit und die gemeinſte Selbſtſucht, welche theils als Habgier*) und riedens theils als Lüderlichkeit und Unzucht der Abſcheu des Volkes war und ihre Seele mit unbegrenztem Haß gegen jeden erfüllte, der ihrem verbrecheriſchen Ge⸗ lüſte entgegentrat. Ein Theil ihrer Schmach fällt auf das allgemeine Verderben des Hofes, deſſen Sittenloſigkeit die ebenſo unerfahrene als leidenſchaftliche Jun frau mit allen Lockungen der Sünde umgab und namentlich mag die Untreue ihres Gemahls, ater der Wahnſinn deſſel⸗ ben, der ſie zurückſchreckte, die groben Ausſchweifungen ihrer glühenden Sinnlichkeit gefördert haben, die ihr den Namen der großen Buhlerin zuzogen. Gleiche Lüſternheit und das Streben nach unbeſchränkter Leitung der Staatsgeſchäfte verband den Herzo von Orleans mit der Kö⸗ nigin zu einer Vertraulichkeit, welche die allgemeine Stimme als Chebruch brandmarkte, und ſchon glaubte ſich Ludwig nach dem Tode des Herzogs Philipp von Burgund(1404) im Allein⸗ beſitz der Gewalt, als Philipps Nachfolger, Johann, dem Vater ähnlich an Entſchloßenheit, aber

*) Sie ließ es dem Könige und ihren Kindern oft an dem Nothwendigſten zum unterhalte fehlen.