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2 (1877) Der lateinische Stil im Gymnasium
Entstehung
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18 ſein, ſo beanſprucht ſie viel Zeit, im andern Falle gewöhnt ſie an Stümperei, in beiden Fällen iſt man nicht geſichert, daß der Schüler ſich nicht Irrthümer einprägt, die ſchwer zu beſeitigen ſind. Am erfolg⸗ reichſten wird die Benuzung gedruckter Uebungsbücher ſein, wenn die einzelnen Abſchnitte dazu benuzt werden, daß man nach einer erſtmaligen Ueberſezung in der Schule die Schüler veranlaßt, dieſelben in freier lateiniſcher Rede darzuſtellen. Doch werden ſich in allen Fällen energiſch angeſtellte, gut vorbe⸗ reitete und geſchickt variirte Retroverſionen in mehr oder minder freier Form für Geiſtesgegenwart und Stilbildung förderlicher erweiſen, ohne daß Beeinträchtigung der Lectüre eintreten müßte, welche bei der andern Geſtaltung dieſer Uebungen unvermeidlich iſt.

Und doch wird der leztere Geſichtspunkt recht erheblich, wenn, wie gar nicht anders zu erwarten iſt, eine weitere Reduction der lateiniſchen Stunden über kurz oder lang eintreten muß. In den ſüd⸗ deutſchen Staaten iſt der Unterricht von Tertia ab höchſtens auf 8 Stunden bemeſſen; da gilt es, ſeine Zeit zuſammen zu nehmen, wenn nicht der Bildungswerth des Lateiniſchen mehr und mehr verſchwinden ſoll. Ich nehme aus vieljähriger Erfahrung an, daß ſelbſt in Tertia bei dem geſchilderten Verfahren für grammatiſch⸗ſtiliſtiſche Zwecke höchſtens 4 Stunden wöchentlich beanſprucht werden, während für Prima nur 2 bis 3 erforderlich ſind.

Der lateiniſche Aufſaz wird der natürliche Abſchluß des hier entwickelten Unterrichtes ſein, den die Schule erreichen kann und den ſie erreichen muß. Es iſt nur eine weiter entwickelte Form der Imitation, welche ſich ſtrenge in den Grenzen der freieren ſelbſtändigen Reproduction oder einer beſchränkten Production hält. Auch der Aufſaz darf dem Geſammtcharakter der lateiniſchen Schreibübungen in ſo weit nicht untreu werden, als er ebenfalls zur lateiniſchen Lectüre in engſte Beziehung treten, die Themata alſo ſämmtlich derſelben entnommen werden müſſen.

Bei der dargelegten Art, die Schüler ſchon von den unteren Stufen an in freier mündlicher und ſchriftlicher Darſtellung zu üben, wird mit kleinen Aufſäzen ſchon in Unterſecunda begonnen werden können. Allerdings iſt hier nicht an eine große Zahl zu denken(3 bis 4 im Jahre), und dieſelben müſſen ſämmtlich in der Schule unter Anleitung des Lehrers entſtehen. Wenn z. B. die für ſtiliſtiſche Zwecke inſtructivſte Rede des Cicero, de imperio On. Pompei geleſen iſt, ſo iſt es keine ſchwierige Aufgabe, von den Schülern in zuſammenfaſſender Darſtellung nach Anleitung der Rede die Gründe entwickeln zu laſſen, aus welchen Cicero die Uebertragung des Oberbefehls an Pompeius wünſcht, oder nach den Ausführungen Ciceros über das Feldherrnideal nachweiſen zu laſſen, daß Cäſar ein ſolches Ideal geweſen ſei. Bei der Livius⸗ und Tacituslectüre drängt ſich eine faſt unerſchöpfliche Stoffmenge für ſolche Aufgaben entgegen. Ich denke hiebei vorwiegend, ja ausſchließlich, an Aufgaben hiſtoriſcher, höchſtens abhandelnder Art; gegen Behandlung allgemeiner moraliſcher Themata muß ich mich entſchieden ausſprechen. Wenn ſolche im deutſchen Unterrichte zur Behandlung geſtellt werden, ſo pflegt das Reſultat meiſt ſehr gering zu ſein; deun die Schüler beſizen weder hinreichend philoſophiſche Bildung noch Erfahrung genug, um mehr als triviale Redensarten zu Tage zu fördern. Wie vollends bei Reden etwas herauskommen ſoll, habe ich nie zu begreifen vermocht; unſere Schüler können ſelbſt in ihrer Mutterſprache auf der Schule in der Regel dieſes Ziel nicht erreichen; es liegt auch gar nicht in der Aufgabe der Schule, Redner zu bilden. Wie ſie alſo gar Reden in fremder Sprachen componiren ſollen, ohne die bekannten Dohlenſtreiche zu be⸗ gehen, iſt mir durchaus unbegreiflich; Schulmänner, die auch heute noch an ſolchen Aufgaben hängen, ſcheinen nicht zu ahnen, daß ſie die Fehler Sturms um 3 Jahrhunderte verſpätet erneuen wollen.

Schon wegen des Zeitaufwandes dürfen die Aufſäze nicht allzuhäufig gefordert werden; man könnte ſich wol mit 6 Uebungen im Jahre begnügen, müßte aber ſelbſt dann die regelmäßige ſtiliſtiſche Aufgabe während der Zeit, in welcher der Aufſaz bearbeitet wird, in Wegfall kommen laſſen. Daneben wird es nicht nur förderlich, ſondern geradezu notwendig ſein, einige Male ſtatt der gewöhnlichen Klaſſenarbeit