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Die betreffenden Aufgaben müſſen überall zuſammenhängende Stücke enthalten, weil der Stil ſich nur an ſolchen zu entwickeln vermag; ſie müſſen aber auch dem allgemeinen Standpunkte der Klaſſe und ihrem allmählichen Fortſchritte entſprechen. Man macht häufig die Erfahrung, daß Schüler am Anfange eines Curſus eine Menge von Fehlern machen, während dies am Ende der vorhergehenden Klaſſe nicht der Fall war. Der Grund iſt in der Regel, daß die Anforderungen zu weit gehen, weil der Lehrer ſich ſofort auf den Standpunkt ſeiner Klaſſe ſtatt auf den der vorhergehenden ſtellt. Die Aufgaben müſſen durchgängig auf die bei der Lectüre behandelten ſtiliſtiſchen Fragen Bezug nehmen und wenn nicht aus⸗ ſchließlich, ſo doch vorwiegend den aus der Lectüre gewonnenen Wortſchaz zur Verwendung bringen; ſie müſſen ſchon aus dieſem Grunde vom Lehrer bearbeitet ſein, noch mehr aber, weil ihre Grenze ſtets wandelbar iſt, indem ſie eben ſo wol durch das ungleiche Maß der Lectüre und der Mittheilungen des Lehrers, als durch größere oder geringere Empfänglichkeit der jeweiligen Schülergeneration beſtimmt wird. Auf der Anwendung der Phraſeologie des Schriftſtellers iſt im Ganzen ſtrenge zu beſtehen; nur wo der Schüler ſich über Abweichungen in ausreichender Weiſe zu rechtfertigen vermag, iſt Nachſicht zu⸗ läſſig. Alle Verſuche, der Schwierigkeit durch Umſchreibung oder annähernde Uebertragung auszuweichen, die Unwiſſenheit durch Halbwiſſen zu bemänteln, ſind entſchieden zurückzuweiſen.
Eine Schwierigkeit für den Anſchluß an die Lectüre könnte die in oberen Klaſſen mit größerer Breite angelegte Dichterlectüre zu bieten ſcheinen. Ich lege dabei kein Gewicht auf das vielfach be⸗ ſtehende Verhältniß, daß der Dichter in anderer Hand liegt als Proſaiker und Stil; denn ein ſolches Verhältniß darf immer nur Ausnahme ſein, welche nur durch beſondere Umſtände zu rechtfertigen iſt. Vielmehr nehme ich an, daß der geſammte lateiniſche Unterricht einer Klaſſe auch in einer Hand liegt. Es liegt hier zunächſt nahe, und es wird auch in der That nicht überall zu vermeiden ſein, noch eine Zeit lang den zuvor behandelten Proſaiker zum Vorbild der Stilübungen nicht bloß in Phraſeologie und Sazverbindung, ſondern auch dem Inhalte nach zu machen; zu lange darf indeſſen im Intereſſe der Concentration dieſes Verhältniß nicht fortgeführt werden; es iſt dies aber auch gar nicht notwendig. Sowol aus Vergil als insbeſondere aus der Horazlectüre läßt ſich ohne große Anſtrengung der An⸗ ſchluß an die Stilübungen finden, weniger leicht aus den Oden als aus Satiren und Epiſteln, wenn man ſich nur nicht auf ein einzelnes Gedicht des lezteren Dichters beſchränkt und wenn man darauf ver⸗ zichtet, die eigentliche Periodologie aus demſelben zu entnehmen; für Vergil genügt es daran zu erinnern, daß man bei ihm rückſichtlich der grammatiſchen Seite nicht ſchlimmer, lin der Phraſeologie theilweiſe beſſer als bei Livius geſtellt iſt.
Schon um der Zeiterſparniß holber, zugleich aber auch um den Schülern Gelegenheit zu geben, durch ruhiges Nachdenken und Vervollkommnung unſicherer Kenntniſſe beſſere Leiſtungen zu erzielen, müſſen die Schularbeiten mit Hausarbeiten abwechſeln. Auch für leztere empfiehlt ſich der Anſchluß an die Lectüre und namentlich am Anfange des Curſes müſſen notwendig von dem Lehrer ein paar ſolche Aufgaben geſtellt werden, damit der Schüler ſich einen Maßſtab bilden kann, in wie weit er der Verwendung des Sprachſtoffes und der im Unterricht behandelten ſtiliſtiſchen Einzelheiten gewärtig ſein muß. Aber immer dieſelben der Lectüre zu entnehmen, wird wegen der großen für den Lehrer entſtehenden Arbeitslaſt nicht angehen; bisweilen werden ſich auch ſachliche Schwierigkeiten entgegenſtellen; denn wenn nicht der Inhalt des Geleſenen einfach wiederholt werden ſoll, wird es oft unmöglich ſein, das Material der Lectüre auf einen verwandten Gegenſtand zu übertragen und daraus eine paſſende Aufgabe zu geſtalten. Man wird alſo hier von Zeit zu Zeit zur Hülfe eines gedruckten Uebungsbuches greifen müſſen.
Es könnte die Frage entſtehen, ob dieſes Uebungsbuch auch zu mündlichen Ueberſezungsübungen in der Schule herangezogen werden ſoll. Iu Allgemeinen iſt der Nuzen ſolcher Uebungen den Zeitauf⸗
wande nicht entſprechend. Eine Vorbereitung zu fordern iſt nicht ohne Bedenken; ſoll ſie ausreichend . 3


