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2 (1877) Der lateinische Stil im Gymnasium
Entstehung
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Periodiſirung gefordert wird, iſt das Extemporale nicht mehr geeignet, die ſtiliſtiſche Bildung der Schüler zu foͤrdern. Es iſt erfahrungsgemäß ſelbſt dem vollendeteren Stiliſten erſt allmählich und bei reichlich eintretender Uebung möglich, größere deutſche Perioden, die bloß vorgeſprochen werden, gut lateiniſch zu geſtalten und den verſchiedenen ſtiliſtiſchen Forderungen zu entſprechen: von Schülern kann dies höchſtens in der oberſten Claſſe, und auch hier nur in beſcheidenem Maße, verlangt werden. Es iſt ſomit das Extemporale nur ab und zu als Nachweis der Geübtheit im Auffaſſen und der ſofortigen beſonnenen Verwendung der gewonnenen Kräfte anzuwenden, die eigentlich ſtiliſtiſche Fortbildung der Klaſſenarbeit und dem Exercitium zuzuweiſen. Bei dem Extemporale liegt außerdem die Gefahr nahe, daß ſich die Schüler an Stümperei gewöhnen; erfahrungsgemäß verlieren junge Leute, die immer nur ſolche Arbeiten anfertigen, die Gewohnheit und allmählich auch die Fähigkeit, Anſprüche vollendeter Leiſtungen an ſich zu ſtellen; ſie begnügen ſich mit ſehr mangelhaften Erzeugniſſen, da ihnen zu ſelten Gelegenheit geboten iſt, ſich ſelbſt den Beweis zu liefern, daß ſie bei einer ruhigeren und überlegenderen Arbeitsweiſe zu befriedigenderen Leiſtungen gelangen könnten; anders liegt die Sache im Griechiſchen, wo ſtiliſtiſche Bildung nicht erſtrebt wird.

In Quarta und Tertia gewinnt die ſtiliſtiſche Arbeit eine viel reichere Geſtaltung dadurch, daß hier die eigentliche Schriftſtellerlectüre eintritt. Der Mittelpuukt des geſammten Unterrichts iſt die Proſa⸗ lectüre, um ſo mehr, als die Poeſie noch erheblich zurücktritt, obgleich ſelbſt eine poetiſche Lectüre, richtig benüzt, für die Schreibübungen fruchtbar zu werden vermag. Auf die Lectüre werden grammatiſche und ſtiliſtiſche Unterweiſung, Phraſeologie, mündliche und ſchriftliche Ueberſezungen bezogen.

Die grammatiſche Fortbildung erfolgt auch hier zunächſt am Schriftſteller. Der Lehrer hat die Aufgabe, für jede Lectüreſtunde ſorgfältig nach und nach diejenigen Fälle zu wählen, welche zum erſten Male an der lebendigen Erſcheinung die Entwicklung der Regel geſtatten, deren Einübung und Erlernung hinterher erfolgen ſoll. Hiebei wird das erſt in fernerer Zeit im grammatiſchen Curſe Erſcheinende bei Seite gelaſſen, und es treten nur diejenigen Erſcheinungen hervor, welche im Laufe der nächſten Tage oder Wochen zur Behandlung geſtellt ſind. Iſt die Beſprechung des concreten Falles in ausreichender Weiſe erfolgt, wozu unbedingt die ſofortige Bildung lehrreicher und zweckmäßig gewählter Beiſpiele gehört; ſo kann die Behandlung in der Grammatikſtunde nur eine Wiederholung und Befeſtigung liefern, und es wird dieſe nochmalige Behandlung bei den meiſten Schülern zum ſicheren Wiſſen ausreichen, insbe⸗ ſondere wenn bei wiederkehrenden analogen Fällen auf das erſt behandelte Beiſpiel der Lectüre zurückge⸗ griffen und lezteres neben dem typiſch erlernten Beiſpiele der Grammatik von Zeit zu Zeit erneuert wird. Hauptrückſicht bei der Wahl derartiger Beiſpiele iſt Kürze und Präciſion, ſo wie leicht faßlicher Inhalt, für die Beiſpiele der Grammatik muß ſich jedes Lehrercollegium über einen durch alle Claſſen feſtzu⸗ haltenden Kanon einigen. Leider ſind die Beiſpiele der verbreiteten Seyffertſchen Erammatik für eine leichte Aneignung und Bewahrung in Folge ihres Inhaltes oft recht wenig geeignet.

Auch in den Lectüreſtunden kann die ſtiliſtiſche Bildung der Schüler nicht unbedeutend gefördert werden; dies geſchieht namentlich durch Uebung im Retrovertiren und in lateiniſchen Inhaltsangaben. Die erſteren Uebungen ſind durchweg mündlich und in der Regel ſo anzuſtellen, daß der Lehrer oder noch beſſer ein Schüler abwechſelnd den lateiniſchen Text oder die deutſche Ueberſezung aus dem Buche lieſt und ein anderer Schüler das Original oder die Ueberſezung gibt. Beide Uebungen haben für die Schärfe der Auffaſſung eine gar nicht hoch genug zu ſchäzende Wirkung und kommen auf dieſe Weiſe der Ge⸗ wandtheit bei ſchriftlichen Uebungen zu gut; außerdem bieten ſie eine angenehme Abwechſelung gegen die einförmige Wiederholung der Ueberſezung, ermöglichen eine viel wirkſamere Controle, gewöhnen das Ohr an gutes Latein und nöthigen den Schüler ſich mit einem Nachdrucke der allſeitigen Erfaſſung des Schrift⸗ ſtellers zuzuwenden, der ſonſt nicht zu erreichen iſt. Das langweilige, meiſt auch recht unfruchtbare Ab⸗ fragen der Vocabeln wird überflüſſig, und der Schüler iſt nicht genöthigt, das einzelne Wort aus dem