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2 (1877) Der lateinische Stil im Gymnasium
Entstehung
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vereinzelte Hinweiſungen und Erinnerungen beſchränken. Alles, was geſchrieben wird, muß vom Lehrer corrigirt und cenſirt werden, Hausaufgabe iſt die fehlerfreie Abſchrift und die ſichere Kenntniß der Säze, die in einer folgenden Stunde nochmals raſch und ohne Anſtoß aus dem Gedächtniſſe wiederholt werden müſſen.

Quinta unterſcheidet ſich von Sexta in der Methode nur durch reichere Variirung und Einübung des Ueberſezungsſtoffes. Die Vermehrung des Wortſchazes in ſyſtematiſcher Weiſe muß durch Ueberein⸗ kunft der betr. Fachlehrer herbeigeführt, die ſchon in Sexta begonnene Wortbildungslehre in rein con⸗ creter Weiſe zur Befeſtigung des Wortvorrathes verwandt werden. Die Anfänge der Syntax werden nur am Leſeſtoffe deducirt und geübt; hiezu muß der Lehrer mit großer Umſicht reichliches Material beſchaffen, da auf dieſem Wege die vorgekommenen Worte und Redewendungen der Lectüre am beſten in dem Gedächtniſſe befeſtigt werden. Sehr erſprießlich werden ſich auch zu dieſem Behufe kleine Sprech⸗ übungen erweiſen, die in der Weiſe anzuſtellen ſind, daß ein zuſammenhängendes Leſeſtück und ſolche müſſen für Quinta die Regel bilden entweder in Form von Frage und Antwort wiederholt oder zunächſt die beſſeren Schüler veranlaßt werden, daſſelbe in freierer Weiſe zu erzählen. Schon die Ab⸗ wechslung ſolcher Uebungen, noch mehr aber die ins Ohr fallenden Leiſtungen machen dieſelben den Schülern regelmäßig intereſſant und angenehm. Kein ſyntaktiſches Verhältniß darf verlaſſen werden, ehe nicht durch eine ſchriftliche Arbeit der Beweis erbracht iſt, daß die Schüler dasſelbe vollſtändig begriffen haben und darüber frei verfügen können. Die Retroverſionen der Leſeſtücke gewinnen für das Schreiben inſofern ſchon unmittelbare Bedeutung, als der Lehrer aus ihnen unter dem Geſichtspunkte beſtimmter, nicht zu enge bemeſſener grammatiſcher Geſeze die kleinen zuſammenhängenden Aufgaben für Exercitien und Extemporalien componirt.

Es wird hier an der Stelle ſein, über die verſchiedenen Arten der Schreibübungen in unteren und mittleren Claſſen einige Worte zu ſagen.

Sie werden entweder in der Schule oder zu Hauſe gefertigt. Daß die lezteren Aufgaben in unteren und mittleren Claſſen ſelten ſeien, iſt ſchon um deswillen wünſchenswerth, weil dadurch leicht an die Arbeitszeit der Schüler zu große Anforderungen geſtellt werden; daß man namentlich bei den Kindern der gebildeten Stände auf geringe Selbſtändigkeit rechnen und deshalb aus dieſen Arbeiten entſcheidende oder auch nur mitentſcheidende Schlüſſe kaum ziehen darf, iſt eine nicht unerhebliche Nebenſache. Be⸗ ſtimmend für die Unterlaſſung dürfte der Umſtand ſein, daß die geiſtige Gewandtheit und Präſenz, welche durch ſchriftliche Arbeiten auf dieſer Stufe recht bedeutend erhöht werden kann, durch Hausaufgaben nicht im Geringſten gefördert wird und die etwa in Betracht kommende ſelbſtändigere Benüzung der Grammatik oder des Lexikons, ſowie die fleißige Heranziehung des aus der Lectüre Erlernten in dieſem Alter noch durchaus ohne Bedeutung bleibt.

Es iſt alſo für die untere und mittlere Stufe hauptſächlich und bei weitem vorwiegend die Schul⸗ arbeit heranzuziehen. Dieſelbe kann in zweierlei Geſtalt geliefert werden, als Claſſenarbeit und als Extemporale. Bei erſterer wird dem Schüler der deutſche Text in die Hände gegeben und Zeit gelaſſen, mit ruhiger Sammlung und Ueberlegung zu arbeiten; bei dem Extemporale dagegen folgt dem langſam vorgeſprochenen deutſchen Texte die ſofortige Uebertragung ins Lateiniſche. Schlagfertigkeit und Raſchheit im Denken und Combiniren werden durch die lezteren Uebungen ſehr erheblich gefördert; aber dieſelben ſtellen große Anforderungen an die Schüler, müſſen deshalb nachſichtig beurtheilt und unbedingt durch die Klaſſenarbeit und das Exercitium(Hausarbeit) ergänzt werden. Nur die Vereinigung dieſer verſchiedenen Formen ergibt ein zuverläſſiges Bild der ſprachlichen Bildung einer Claſſe.

Am häufigſten wird das Extemporale in Quarta und Untertertia neben den übrigen Formen anzu⸗ wenden ſein, von da an muß es zurücktreten. Denn ſobald eine gewiſſe ſtiliſtiſche Geſtaltung und