Druckschrift 
2 (1850)
Entstehung
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Die plebejische Sprache in dem Sittenroman des Petronius, einer Hauptquelle für die Kenntnis des Vulgärlateins und damit des Romanischen, ist in den letzten Decennien zweimal zum Gegenstand systematischer Untersuchung gemacht worden, 1869 von E. Ludwig ¹) mehr im allgemeinen, 1875 von HI. v. Guericke ²) in speziellem Hinblick auf die auch zeitlich und örtlich nahestehenden Pompejanischen Wandinschriften. Dagegen fehlt es noch an einer Behandlung der Sprache des Petronius mit Bezug auf die lateinischen Glossen. Zwar ist die Wichtigkeit der Glossen den älteren Kritikern des Petron nicht entgangen in einer Zeit, wo das Interesse an diesen Ausläufern antiker Lexikographie noch lebendig war und sozusagen zum guten Ton gehörte, um dann freilich einer langen Periode der Ver- gessenheit, ja Miſsachtung Platz zu machen, der sie erst in unseren Tagen, zufolge Ritschls genialem Gedanken, Gustav Löwe, und nach dessen allzufrühem Tode Georg Götz wieder entrissen haben durch die musterhafte Sammlung jener merkwürdigen Reste. Zwar, sage ich, ist die Bedeutung der Glossen für Petr. wohl bemerkt, und sie sind auch ausgenutzt worden zur Erklärung und oft zu glück- lichen Emendationen ³) des Textes; sah man sich doch für manche Worte einer entschwundenen Alltäg- lichkeit allein auf die Glossen angewiesen. Zwar hat auch der neueste Herausgeber des wichtigsten Teiles des P., der cena Trimalchionis, Friedlünder(1891) bei überwiegender Beachtung der Realien doch den Glossen gelegentlich seine Aufmerksamkeit geschenkt. Allein jenen älteren Gelehrten waren fast nur die, allerdings auch wichtigsten, lat.-griechischen, bez. griech.-lat. Glossen bekannt und dazu in kritisch mangelhaften, z. T. nur in interpolierten4) Texten, und auch Friedl. lagen nur erst die Texte der bilinguen Glossen des II. Bandes des Corpus Glossariorum Latinorum(1888) und die reinlateinischen des IV. Bandes(1889), die er aber nur spärlich benutat hat, in diplomatischer Treue vor, die rein lat. des V. und die besonders wichtigen bilinguen des III. Bandes?) erschienen erst 1894, bez. 1893. Aus letzterem Bande hat A. Funck im Phil. LIII, 127 ff. und an verschiedenen Stellen des Archivs für

1) E. Ludwig, de Petronii sermone plebeio. Diss. Marb. 1869.

2) v. Guericke, de linguae vulgaris reliquiis apud Petronium et in inscriptionibus parietariis Pompe- ianis. Diss. Königsb. 1875. Die ziemlich flüchtige Schrift von J. A. Cesareo, de Petronii sermone, Romae 1887, wurde mir erst während des Druckes zugänglich.

3) Z. B. c. 43 pullarius, 57 lacticulosus, 73 barbatoria(alles nur in Glossen).

4) Wir meinen das sog. Onomasticon vocum latino-graecarum', das erst Loewe als modernes Mach- werk erwiesen hat(1875 in den Acta soc. phil. Lips. IV, 365, dann im Prodromus corp. gloss. 194 ff.). Leider ist es noch in der neuesten Auflage des gröſseren lat.-deutschen Wörterbuchs von Georges(1879) als alt ver- wertet, auch von Ribbeck in seiner im vorigen Jahre erschienenen 3. Auflage der Fragmente der röm. Komiker an verschiedenen Stellen, wie Turpil. 23 inora, Titin. 78 biber, 136 dapalis, Afran. spatarro, Mumm. 1 ri- vindus, Naev. Apella'(Titel).

5) Besonders interessant auch für den Schulmann sind die vorher nur zum Teile bekannt gewesenen griechisch-lateinischen Schulgespräche, die beim griechischen Unterricht zu Grunde gelegt wurden, bekannten modernen Konversationsbüchern vergleichbar. Ich kann es mir nicht versagen, einige Zeilen aus einer Tisch- unterhaltung S. 219(= 653) in der lat. Fassung hierher zu setzen, die in zwiefacher Beziehung bemerkenswert sind: da meram. misce caldum. In maiore? In minore libenter, spero enim et aliam bibere. Si permittis, pro- pino tibi. Die letzten Worte erinnern uns unwillkürlich an den modernen Trinkcomment und bestätigen wieder einmal den Satz, dals alles schon dagewesen ist. Die vorhergehenden Worte beweisen die Stündigkeit solcher Phrasen wie in minore bei Tisch und sind kürzlich von Buecheler(Rhein. Mus. LII, 395) gut benutzt worden zur Erklärung der vielbesprochenen Verse des Juvenal XI, 147 non Phryx aut Lycius, non a mangone petitus guisquam erit? in magno cum posces, posce latine, die erst jetzt ihr volles Licht erhalten und auch gegen Anderungen geschützt werden: du brauchst an meinem Tisch nicht ν εεεονεν(sc. On †f.ꝓꝙœ%᷑²) zu fordern, sagt der Dichter, indem er seinen Freund auf ein einfaches Mahl einladet.

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