Druckschrift 
1 (1898) Allgemeiner Teil
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Die Bedeutung des Zeitwortes für die Rede.

Beherrschung der gesprochenen und ge- schriebenen Rede ist das unmittelbare Ziel des Sprachunterrichts(Kenntnis der Litteratur, Be- kanntschaft mit Land und Leuten sind die mittel- baren Ziele). Wer das Ziel erreichen, d. h. eine Sprache erlernen will, hat zunächst die Rede in ihre Teile zu zerlegen und muss dann die Herr- schaft über die Teile zu gewinnen suchen. So- mit entsteht für den, der Sprachen lehren will, als erste Frage die: Welches ist der kleinste Teil der Rede? Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: Das Wort. Auch das Wort ist zerlegbar, das gesprochene in Laute, das geschriebene in Buchstaben. Die Kenntnis der Laute und der Buchstaben ist demnach das erste, was der Sprachunterricht zu vermitteln hat. Aber diese Beschäftigung ist nur Vor- arbeit. Wer sich nur mit Worten beschäftigt, treibt noch keine Sprache. Wenn jemand den Wortschatz einer Sprache und nur diesen im weitesten Umfange beherrschte, so würde er mit der Sprache selbst doch lange nicht so ver- traut sein wie das dreijährige Kind, das eine viel geringere Anzahl von Worten kennt. Wie kommt das? Das Wort übermittelt den Begriff. Der Zweck der Rede aber ist, Gedanken, Em- pfindungen, Geschehnisse, Zustände mitzuteilen. Dieser Zweck wird nicht dadurch erreicht, dass Worte an einander gereiht werden, sondern da- durch, dass zwischen den Worten eine Beziehung hergestellt wird. Das blosse Wort ist mithin kein selbständiger Teil der Rede. Die Worte sind totes Kapital, dem erst durch die Her- stellung von Beziehungen Wert für die Rede

verliehen wird. Diese Beziehungen finden ihren Ausdruck im Satze. Alles, was uns mitgeteilt wird, wird uns in Sätzen mitgeteilt. Da, wo die Mitteilung durch blosse Worte geschieht, haben wir es mit Sätzen zu thun, von denen wir nach stillschweigendem UÜbereinkommen einzelne(immer wiederkehrende) Teile weg- lassen. Die Worteguten Tag wären unver- ständlich, wenn wir nicht ob auch unbe wusst ergänzten: wünsche ich. Der Name, den wir auf einem Thürschilde lesen, sagt uns nur dadurch etwas, dass wir wieder unbe- wusst hinzufügen: wohnt hier. Also: Der kleinste selbständige Teil der Rede ist der Satz. Nach Erledigung der erwähnten Vorarbeit ist die Beherrschung des Satzes das Ziel, das sich die Spracherlernung zu stecken hat. Zu dieser Beherrschung hat der Unterricht bis jetzt auf zwei Wegen zu führen gesucht, durch Zer- legung in bewusster, durch Nachahmung in unbewusster Weise. In Bezug auf die Erlernung der neueren Sprachen scheint die Ansicht immer mehr herrschend zu werden, dass die richtige Vereinigung beider Weisen zum Ziele führt. Kann es auf der einen Seite nachgerade als erwiesen angesehen werden, dass eine Sprache namentlich eine lebende ohne Zuhilfenahme der Nachahmung nicht gelernt werden kann, so wird andererseits kein Sprachunterricht auf eine bewusste Einsicht in die Mittel, deren sich die Sprache bedient, verzichten dürfen. Wird doch auch die unbewusst erlernte Muttersprache in der Schule zum Bewusstsein und Verständnis

gebracht, wenn es auch m. E. bei weitem noch 1*