— 22.—
Wir kommen zu den Tatben. Die Hauptfarben sind rot, schwarz und braun(sie werden im einzelnen zusammengestellt.) Bei der Beleucbtung fragen wir nach der Lichtguelle. Wie findet man diese? Durch den Schatten. Wo findet sich Schatten? Wir sehen den Schatten des Tisches, des einen Beines des Mannes und den Schatten der Beine des Stuhles rechts, auf dem das Hündchen liegt. Also kann die Lichtquelle nicht das Fenster sein, das wir sehen. Warum? Das Licht muß von der entgegen⸗ gesetzten Seite kommen, wie der Schatten fällt. Die Lichtquelle befindet sich also links von uns, genau wie das Fenster, aber mehr nach vorne, nach uns zu. Ein Beweis dafür ist auch die helle Beleuchtung der Tischdedke ganz vorn. Auch das Gesicht der beiden Personen könnte nicht so hell beleuchtet sein, wenn das Licht allein durch das Fenster hinten käme.
Und nun die Hauptsache. Ist das Bild eigentlich ein Porträt oder ein Sittenbild? Das ist fraglich, denn man weiß nicht, was dem Maler die Hauptsache ist, das Zimmer mit seiner Nusstattung oder die beiden Per- sonen. Dazu kommt noch ein zweites. Die Haltung der beiden Personen ist, wie wir vorhin feststellten, nicht recht begrũndet. Wo finden wir meist eine solche Haltung wie die des Mannes? Ein Schüler sagt sehr richtig: „Auf Photographien.“„Es liegt etwas Lebloses“, so fügt der Lehrer hinzu,„etwas Kaltes, Steifes darin, etwas Unnatürſiches. Und nun ver⸗ gleichen Sie in Gedanken damit die Lebendigkeit und Natürlichkeit auf dem Bilde von Steen. Besonders der Grad der Lebendigkeit ist ein troffliches Zeichen für echte, gute Kunst, nicht aber, wie das noch viele Leute, sogar Kunstgelehrte, meinen, die mehr oder weniger große Xhnlichkeit mit der italienischen Kunst oder gar der Antike. Das ist kein Maßstab, an dem wir die germanische Kunst messen dürfen.
Jede echte Kunst entspringt vielmehr dem Innersten des Künstlers, in ihr fließt etwas von seinem Herzblut, wie wir schon sagten, zum mindesten gibt der Künstler darin etwas von sich selbst. Denken Sie an Goethes Gedichte, sie sind Bekenntnisse, er hat nur dann Liebesgedichte gemacht, wie er selbst sagt, wenn er liebte. Doch der Künstler gehört noch einer größeren Gesamtheit an, es ist die Welt, die ihn umgibt, das Volk, zu dem er gehört, beide wirken mit ihrem ganz bestimmten Zustand der Sitten und des Geistes auf ihn ein. Um also ein Kunstwerk, einen Künstler wirklich zu verstehen, müssen wir den allgemeinen Zustand der Sitten, des Geistes seiner Zeit und seines Volkes erkennen. ²
Denken wir daran, so können wir es nicht als die Nufgabe auch unserer Kunst ansehen, immer wieder die Meister der italienischen Renaissance nachzuahmen, ebensowenig können wir an unsere Bildhauer die Forde-


