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gnügen in den unteren, vielleicht auch noch in den mittleren Klassen der höheren Schule, aber in der Prima eines humanistischen Gymnasiums kann und muß man über die Forderungen Lichtwarks noch hinausgehen.5
Freilich auch hier Feine Kunstgeschichte, sie ist direkt schädlich. Da- gegen kann man sehr wohl versuchen, aus der Betrachtung der einzelnen Bilder eines Künstlers eine fest umrissene Kunstlerpersänlichkeit sozu- sagen zusammenzusetzen wie ein Bild aus einzelnen kleinen Mosaik- stückchen. Ja man wird noch weiter gehen, man wird versuchen dürfen, die Empfindung für künstlerische Qlalität zu entwickeln und gewisse Maß-⸗ stäbe für das Urteil zu geben. Ebenso wird man gelegentlich eingehen auf Begrif und Wesen der Kunst, man kann Fragen allgemeineren Inhalts berühren, wie den Begriff der Allegorie, die Berechtigung des Hässlichen, das Verhãltnis von Natur und Kunst, von Form und Inhalt oder besondere Fragen, wie vor allem das Wesen des germanischen und romaniscken Kunstideals..
Das Hauptziel ist aber auch hier, den Geæschmack zu ebilden, dio Genuß⸗- Jäßigkeit zu steigern, den Hunger nach Kunst und Schönheit zu erwedten.
Der Schüler soll zunächst vor allem lernen, grundlich zu sotßen und zu beobachten. Sodann ist die Porliebe für das Platte und Süußliche auszu- Tomen, er muß Geschmad bekommen an dem kräftigen Schwarzbrot echter Kunst. Jede einseitige ästhetische Beurteilung soll er ablegen und erkennen, wie verschieden der Kunstgeist ist je nach Zeit und Uolk. D er soll für ewig von dem Wahn befreit werden, es sei die Aufgabe der Kunst, nur das rein formal Schöne, die vollkommene Form darzustellen. So ist auch der einseitigen oft übertriebenen Iberschätzung alles Klassischen oder besser Klassizistischen in der Bildenden KLunst mit Naddrude entgegen- zutreten. Damit wird dann die Liebe schon wadsen für die Kunst unseres eigenen Volkes, fur das Kunstideal der germanischen Kunst mit ihrer nicht selten abstoßenden Häßlichkeit.
Der Schüler soll die Eigentumlichkeiten der germanisen Kunsto und damit der Kunst seines eigenen Vaterlandes kennen und lieben lernen: die Treue der Naturnachabmung, die Wabhrbeit und Tiofe ibres Empfindens, die Kraft ibres Inbalts, die Dorliebe für scharfe natur- wahre Charakteristik. So wird er Verständnis und Ehrfurcht für alles bekommen, was in der Kunst— und auch sonst— wahr, echt und charakter- voll ist, und er wird erkennen, wie schwer und wie selten große Kunss ist. Er soll sich nicht fertig dünken, wenn er die Schule verläßt. Immer weiter zu streben in Erkenntnis und Vertiefung, auch auf diesem Gebiete, sei sein Ziel, denn weiter zu wachsen ist das wahre Leben, fertig zu sein mit allem,
das bedeutet geistigen Tod. 1.


